Liebe Leserin, lieber Leser
Ich war Gymnasiastin, als ich zum ersten Mal von jener neuen Krankheit hörte, die Angst und Schrecken verbreitete. Mit einem Schlag waren die Begriffe HIV und Aids in aller Munde. Ich erinnere mich gut, wie an unserer Schule ein Informationstag abgehalten wurde. Ärzte und Lehrpersonen erklärten, soweit man das damals wusste, was HIV und Aids ist und wie die Krankheit übertragen wird. Von (Homo-)Sexualität, Drogensucht und Kondomen war da die Rede – und irgendwie war es peinlich, über solche Dinge im Klassenverband debattieren zu müssen.
Das war Mitte der 1980er Jahre. Inzwischen hat das Thema HIV/Aids in der Öffentlichkeit an Aufmerksamkeit eingebüsst. Abgesehen von immer neuen Stop-Aids-Plakaten liest und hört man nur mehr selten davon. Schliesslich gibt es mittlerweile Medikamente, die in den meisten Fällen eine ernsthafte Erkrankung und den Tod um Jahre, wenn nicht Jahrzehnte hinauszögern. Ist also inzwischen alles halb so schlimm geworden? Körperlich geht es den meisten HIV-Positiven heutzutage zweifellos viel besser. Doch Schuldzuweisungen, soziale Ausgrenzung, Vereinsamung oder handfeste Diskriminierung beispielsweise in Versicherungsfragen sind damit nicht vom Tisch. Ganz zu schweigen von der dramatischen Dimension, die HIV/ Aids in Ländern des Südens angenommen hat. Die Bethlehem Mission Immensee weist in ihrer Kampagne „Afrika braucht Medikamente – jetzt!“ darauf hin, dass in Afrika jeden Tag 6000 Menschen an Aids sterben, dass die arbeitende Generation wegstirbt und Millionen Kinder verwaisen, weil nur ein Bruchteil der Betroffenen Zugang zu zahlbaren Medikamenten hat. Hier sind alle gefordert: die Schweizer Regierung, die Schweizer Pharmaindustrie und nicht zuletzt unsere Kirchen, die sich bereits heute für Menschen mit HIV/Aids engagieren – bei uns wie auch in Entwicklungsländern.
JUDITH HARDEGGER