SOS Narrenschiff
Im Kino kam die Erleuchtung (deshalb hiess dieser magische Ort früher Lichtspieltheater): Wenn die katholische Kirche mit ihrem liturgischen Angebot wieder auf Quote kommen will, dann müssen Multiplex-Kirchen her. Im Multiplex-Kino funktioniert das Prinzip hervorragend: 12 Filme starten gleichzeitig, so dass sich die dreiköpfige Familie nach Lust und Laune vierteilen kann. Jeder geht dorthin, wo es ihn hinzieht: Vater ins actiongeladene Abenteuer, Mutter in die romantische Komödie, Kind in den herzigen Zeichentrickfilm. Erst im Foyer entscheidet sich mit fröhlichem Judihui, wohin die Wege führen.
Genau so muss es sein: Im Vorraum zur Multiplex-Kirche fällt der prickelnde Spontanentscheid, unterstützt von rasanten Trailern der Dienst habenden Zelebranten. Vielleicht entscheidet sich Vater für eine währschaft virile Eucharistiefeier, Mutter für die tanzbewegte Frauenmesse, Kind für den voreucharistischen Gottesdienst. Vielleicht fällt die Wahl aber auch auf das MuKi-Beten, die Gospel-Andacht, die Impuls-Messe oder das lateinische Hochamt – alle werden nach ihrer Fasson selig.
Das Geniale daran: Unsere Kirchen sind dafür gross genug – man unterteilt einfach einen bestehenden Gottesdienstraum in ein Dutzend Pantoffel-Kapellen. Dort sind dann die gleich Gesinnten und gleich Interessierten unter sich. Keiner muss sich jetzt mehr Sorgen machen, vielleicht im falschen Film, pardon, in der falschen Liturgie zu sitzen.
Wahrhaft zielgruppenorientiert wäre das, jeder würde dort abgeholt, wo er sich gerade hinfläzt, endlich käme man weg von dieser schwammigen Zielgruppe „Volk Gottes“. Im Idealfall liesse sich so die unpopuläre Einzelbeichte durch den maximal-individuellen Einzelgottesdienst ersetzen. Wer sich angesichts des megaspannenden Angebots nicht entscheiden kann, löst ein Multi-Ticket, was ihn berechtigt, nach Ende des Programms gleich der nächsten Special-Interest-Celebration beizuwohnen.
Eintrag ins Logbuch: In der Multiplex- Kirche könnte unserer Familie endlich gelingen, was wir im Multiplex-Kino nie schaffen. Dort landen wir schlussendlich immer alle im selben Film – weil wir einfach nicht vom Gemeinschaftserlebnis lassen können.
THOMAS BINOTTO