Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Menschen der Bibel: zum Beispiel David

Königliche Abgründe

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Er war Lichtgestalt und Finsterling. Ihm werden ergreifende Psalmen zugeschrieben und bösartige Komplotte. Er ist der Hirtenjunge, der sich vertrauensvoll Gott anvertraut, denn „nichts wird mir mangeln“. Er ist der geile Ehebrecher, der einen Mann kaltblütig in den Tod schickt. David deckt die ganze Bandbreite dessen ab, wozu Menschen fähig sind.
Zunächst gewinnt er unsere Sympathien im Sturm. Er ist unerschrocken, sein Gottvertrauen verleiht ihm Mut und Selbstvertrauen im Höchstmass, so dass man neidisch werden könnte – und König Saul wurde es tatsächlich. Zunächst war er von diesem Jüngling begeistert, der ihm Goliat und damit die Philister unerschrocken aus dem Weg geräumt hatte, diesem begnadeten Dichter, der auf der Harfe mit Engelszungen die anmutigsten Lieder anstimmen konnte. Aber je populärer David wurde, desto argwöhnischer beobachtete ihn Saul. Hier wuchs ihm ein Rivale heran, und das passte Saul nicht, mehrmals versuchte er sogar, ihn umzubringen. Bis hierher hat David unsere Zuneigung. Er ist der Kleine, der dennoch nie klein beigibt. Er ist das Versprechen, dass jeder und jede zu Grossem fähig sein kann. Er ist David gegen Goliat.
Aber dann wurde David selbst König. Zum mächtigsten und erfolgreichsten, den das Judentum je gesehen hat. Er wurde zum Herrscher zweier Königreiche, Juda und Israel. Unter ihm entstand ein israelitisches Grossreich. Er machte Jerusalem zum politischen und spirituellen Zentrum. David gelang all das dank derselben Kaltblütigkeit und Unerschrockenheit, die ihn schon im Kampf mit Löwen und Riesen ausgezeichnet hatte. Und dennoch ist uns nicht mehr wohl dabei. David ist nicht länger der kleine, vermeintlich schwache Aussenseiter. Jetzt zittern seine Gegner vor ihm, und er räumt sie skrupellos aus dem Weg – aus dem Hirtenjungen David ist ein „Goliat“ geworden.
Aber nichts war schändlicher und erbärmlicher als das, was er Urija, einem seiner eigenen Soldaten, antat: Vom Dach des Palastes hatte David dessen Frau Batseba beim Baden beobachtet. Er liess sie zu sich holen und schlief mit ihr, obwohl er genau wusste, dass sie verheiratet war. Kurz darauf wurde ihm von Batseba mitgeteilt: Ich bin schwanger! Und David tat, was alle tun, die von der Macht besessen sind und keine höhere Instanz mehr anerkennen: Er versuchte seinen „Ausrutscher“ mit allen Mitteln zu vertuschen. David holte Urija von der Front zum Heimaturlaub, in der Hoffnung, er könne ihm diese Schwangerschaft unterjubeln, weil Urija doch sicher mit seiner Frau schlafen werde. Als diese und eine weitere List nicht gelangen, schickte er Urija zu seinen Truppen zurück und gab dem Heerführer den Befehl, ihn in den sicheren Tod auf dem Schlachtfeld zu schicken. Als David vom Tod Urijas erfuhr, beruhigte er seinen Heerführer mit der zynischen Bemerkung: „Betrachte die Sache nicht als so schlimm; denn das Schwert frisst bald hier, bald dort.“
„Dem Herrn aber missfiel, was David getan hatte“, heisst es dazu in der Bibel lakonisch, und dies lässt vermuten, dass damit die Geschichte Davids zwar am Tiefpunkt, aber noch lange nicht am Ende angekommen war. Auch David sollte im Kampf gegen einen Kleinen fast untergehen, diesmal war es aber kein Hirtenjunge, der den Aufstand wagte, sondern Davids eigener Sohn Abschalom …
Wir trennen gerne fein säuberlich zwischen den Bösen und den Guten, zwischen den Finsterlingen und den Lichtgestalten. David ist das eindrückliche und heilsame Beispiel dafür, dass jeder Mensch zum Besten wie zum Schlimmsten fähig ist. Wir alle sind Lichtgestalt und Finsterling zugleich.

THOMAS BINOTTO

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