Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Sie sind hier: Startseite Archiv 2005 forum Nr. 22, 2005 Nach dem Tod ist mitten im Leben
Abschiedskultur

Nach dem Tod ist mitten im Leben

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Wir haben gegenüber allem, was mit ihm zusammenhängt, eine natürliche Scheu. Für Marianne Herold, Co-Leiterin des Bestattungs- und Friedhofamtes Zürich, ist der Tod ein ständiger Begleiter.

■ Es gibt ein paar Wörter, die passen nicht zu Marianne Herold: Grabesstimme, Trauerkloss, Totenstille, Leblosigkeit. Die Co-Leiterin des Bestattungs- und Friedhofamtes der Stadt Zürich strahlt Frische, Vitalität, Tatkraft und Leidenschaft für ihre Arbeit aus. Dass es sie nach einem Landwirtschaftsstudium via Friedhofsverwaltung in ein Bestattungsamt verschlagen würde, hätte sie sich zwar früher nie träumen lassen, aber dass es ihr den Ärmel dermassen reingezogen hat, dass sie von dieser Aufgabe wohl kaum mehr loskommen wird, scheint ihr keine Angst zu machen. Sie spricht zwar lieber von Befriedigung bei der Arbeit als von Freude, sie gebraucht gerne Begriffe wie respektvoll, offen und würdig, aber von der Vielfältigkeit ihrer Arbeit ist sie offensichtlich begeistert: Friedhofsarchitektur – moderne Technologie im Krematorium – Parkanlagen – Menschen in einer schwierigen Lebensphase unterstützen … Das Feld ist weit, und Friedhofsmauer noch so ein Wort, das einem nicht in den Sinn kommt, solange man Marianne Herold gegenübersitzt.
„Ein wichtiger Teil unserer Arbeit ist der Umgang mit den Verstorbenen. Wir holen sie dort ab, wo sie gestorben sind: im Spital, im Heim, am Unfallplatz, zu Hause. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter richten die Toten her, kleiden sie an, sargen sie ein. Wir bringen sie an den Ort, wo sie aufgebahrt werden, richten einen Platz her, an dem die Angehörigen würdig Abschied nehmen können. Diese Arbeit führen wir mit Sorgfalt und Respekt aus, denn wir sind ein wichtiges Bindeglied zwischen den Verstorbenen und ihren Angehörigen, die manchmal Berührungsängste haben. Wenn sie sehen, dass unsere Mitarbeiter ganz normale Menschen sind, solche, die man etwas fragen kann und die einem helfen, dann können auch Ängste abgebaut werden. Unsere Aufgabe ist es, sowohl die Toten wie deren Angehörige mit Respekt zu behandeln.“

forum: Darf man an dieser Arbeit überhaupt Freude haben? Schliesslich geht es um den Tod, unseren ärgsten Feind.
Marianne Herold: Wenn wir unsere Arbeit gut machen, dann können wir darin in einem Masse Befriedigung und Sinngebung erfahren, wie es wohl nur in wenigen anderen Berufen möglich ist. Beispielsweise durch die Dankbarkeit, die wir spüren, wenn wir Trauernden Halt geben. Diesen Halt geben wir nicht, indem wir auf der Ebene der Trauer mitschwingen, also selbst zu Trauernden werden, sondern durch unsere einfühlsame Professionalität. Wenn Menschen einen Verlust erleiden, reagieren sie ganz unterschiedlich: Manche werden traurig, andere apathisch, es gibt solche, die zornig oder gereizt sind. All das sind völlig normale Reaktionen, die wir nicht persönlich nehmen dürfen – gerade weil wir helfen wollen. Natürlich muss man neben dieser Arbeit einen Ausgleich haben und Sorge zu sich tragen, indem man beispielsweise in seiner Freizeit ganz bewusst die fröhlichen, unbeschwerten Seiten des Lebens pflegt.

Auch vom Bestattungsamt wird heute Kundennähe verlangt. Bereitet diese Erwartungshaltung keine Probleme?
Ich habe mit diesen Ansprüchen keine Mühe. Unsere Kunden bezahlen uns mit ihren Steuern und haben Anspruch auf eine qualitativ hochstehende Dienstleistung. Deshalb versuchen wir auch, ihre Wünsche ernst zu nehmen. Wir bieten beispielsweise die Aschenbeisetzung im Wald an, das Grabfeld für Muslime, ein Gemeinschaftsgrab für totgeborene Kinder, oder richten die Wege auf Friedhöfen für Gehbehinderte her. Dass wir unsere Dienstleistung möglichst optimal und kundenfreundlich erbringen, dafür muss niemand dankbar sein. Wenn uns in einem schwierigen Fall eine gute Arbeit gelingt und uns spontan Danke gesagt wird, dann freut uns das natürlich, aber wir fordern Dankbarkeit nicht ein.

Dennoch sind wahrscheinlich auch den Erwartungen Grenzen gesetzt?
Wir gehen auf die Wünsche der Verstorbenen und der Angehörigen wenn immer möglich ein, und es gibt nur selten Anliegen, die wir nicht erfüllen können. Beispielsweise halten wir die Ruhefrist bei Erdbestattungen konsequent ein. Man soll die Menschen dort, wo man sie beerdigt hat, ruhen lassen. Es gibt auch Modeströmungen, die wir nicht mitmachen, beispielsweise aus der Asche Schmuckstücke als Erinnerungszeichen zu fertigen. Ich glaube, dass wir Verstorbene als lebendige Menschen im Gedächtnis bewahren sollten. Der Tod ist eine Trennung, der Verlust der körperlichen Gegenwart. Grundsätzlich wollen und können wir Wünsche nicht verbieten, aber als staatliche Stelle müssen wir nicht allen nachkommen.

Sie sprechen von Modeströmungen. Demgegenüber stehen die Kirchen mit ihren uralten Ritualen. Besteht daran ausser bei aktiven Kirchenmitgliedern überhaupt noch Interesse?
Viele Menschen, die nicht mehr zu einer Kirche gehören, erinnern sich bei einem Todesfall an Bestattungen, die sie erlebt haben. Durch den Tod und die Trauer entsteht eine Leere und dadurch nicht selten der Wunsch, zum Altvertrauten zurückzukehren. Wenn der Verstorbene konfessionslos war, bedeutet das noch lange nicht, dass auch die Trauergemeinde konfessionslos ist. In solchen Fällen wird häufig eine Spannung zwischen den Wünschen der Verstorbenen und jenen der Trauernden sichtbar, die gar nicht so leicht zu lösen ist. Das kann auch der Fall sein, wenn eine alte Frau sich die Beisetzung im Gemeinschaftsgrab wünscht, weil sie ihren Kindern und Enkeln nicht noch über den Tod hinaus Kosten verursachen will. Für ihre Kinder kann aber genau das ein schweres Problem sein, weil sie kein Einzelgrab haben, an dem sie trauern und sich erinnern können.

Sie haben mit verschiedenen Religionsgemeinschaften zu tun. Wie nehmen Sie deren Umgang mit dem Tod und der Trauer wahr?
Mich beeindruckt das gemeinschaftliche Mittragen beispielsweise bei Juden, Muslimen oder Hindus immer wieder. Diese Gemeinschaften unterstützen die betroffene Familie lange über die Beerdigung hinaus. Das vermisse ich in den christlichen Kirchen manchmal, wobei die Situation auf dem Land sicher noch eine andere ist als hier in der Stadt. Manchmal entsteht bei mir der Ein druck, als ob mit der Beerdigung für die christlichen Kirchen die Seelsorge zu Ende wäre. Ich will aber all jenen Seelsorgerinnen und Seelsorgern nicht Unrecht tun, die sich bemühen. Deshalb möchte ich es lieber positiv formulieren: Ich glaube, dass die Kirchen gerade an dieser Nahtstelle des Lebens eine grosse Chance haben. In einem Todesfall sind Menschen meistens sehr offen für ein gutes Gespräch. Eine gute Begleitung vermittelt ihnen ein positives Bild der Kirche und kann sogar zur Rückkehr beitragen. Wenn man die Kirche in einem solchen Moment als Halt und Hilfe und wirklich als tragende Gemeinschaft erlebt, dann hat man vielleicht plötzlich wieder das Bedürfnis, zu dieser Gemeinschaft zu gehören.

Als Christ bin ich eigentlich dazu aufgerufen, mich auch mit meiner Sterblichkeit zu befassen. Dennoch muss ich mich überwinden, ohne akute Not das Informationsmaterial des Bestattungsamtes zu lesen.
Wenn Menschen plötzlich mit einem Todesfall konfrontiert werden und nicht informiert sind, helfen wir ihnen. Dafür sind wir da, um ihnen beizustehen, mit ihnen zu sprechen, sie behutsam an Entscheide heranzuführen, ohne über sie zu bestimmen. Wenn sie sich jedoch bereits zu einem früheren Zeitpunkt über organisatorische Fragen informiert haben, bringen sie einen riesigen Vorteil mit, weil sie dem Gefühl von Hilflosigkeit und Ohnmacht mit ziemlicher Sicherheit weniger ausgeliefert sein werden. Oft fällt uns auf, dass sich Menschen, bedingt durch den Stress, den ihre Hilflosigkeit auslöst, zu wenig Zeit für den Abschied nehmen. Wenn man sich bei einem Todesfall mehr Zeit für Entscheidungen nimmt, wirkt sich das auch auf die Trauerarbeit aus. Es ist deshalb wichtig, dass wir Sicherheit und Ruhe vermitteln.

Seit etwas mehr als einem Jahr gibt es im Friedhof Witikon eine Grabstätte für Muslime. Im Vorfeld wurde dieses Thema kontrovers diskutiert. Jetzt hört man nichts mehr – ein gutes Zeichen?
Bislang wurden 20 Bestattungen vorgenommen und der Betrieb funktioniert reibungslos. Auch Muslime werden im Sarg bestattet, die Ruhefrist wird eingehalten und die Gebeine verbleiben – wie bei allen anderen Erdbestattungen – im Boden. Dass die Gräber nach Mekka ausgerichtet sind, fällt höchstens dem auf, der darum weiss. Der einzige sichtbare Unterschied besteht darin, dass in dieser Grabstätte eine religiöse Gemeinschaft beisammen ist.

Es gibt offenbar Ängste, unsere Friedhöfe könnten „islamisiert“ werden.
Friedhofsplanung ist eine langfristige Aufgabe. So wie es aussieht, kommen wir mit der Grabstätte für Muslime sehr weit, denn es sind ja noch zwei weitere Grabfelder bewilligt, die aber wohl erst in zehn bis fünfzehn Jahren gebaut werden. Bis alle Gräber benutzt sind, wird bei einigen Gräbern die Ruhefrist bereits wieder abgelaufen sein, so dass sie wieder neu belegt werden können. Wir rechnen deshalb damit, dass diese Grabstätte für mehrere Jahrzehnte ausreichen wird.

Das Bestattungsamt ist kein alltäglicher Arbeitsplatz. Welche besonderen Fähigkeiten muss man mitbringen, wenn man hier arbeiten will?
Man muss offen sein und die Fähigkeit haben, auf andere Menschen einzugehen, auch wenn sie sich verbal nicht mitteilen. Vieles äussert sich nicht in Sprache, also muss man ein Gespür dafür entwickeln, was einen trauernden Menschen bewegt, wie man ihn erreichen kann. Das kann man oft mit ganz einfachen Handlungen unterstützen: Beispielsweise jemandem, der weint, ein Taschentuch reichen, oder jemandem, der sich sichtlich unwohl fühlt, ein Glas Wasser holen. Wir sind zwar nicht in Trauer, aber wir lassen die Menschen spüren, dass wir ihre Trauer wahrnehmen. Manchmal gibt es auch Momente, wo Angehörige um eine Entscheidung ringen, wo sie vielleicht überfordert sind, ihnen alles zu viel wird. Dann kann es schon helfen, den Raum zu verlassen und sie für einen Moment allein zu lassen und ihnen dadurch etwas Druck wegzunehmen.

In der Trauer kann man sich auch unter Druck fühlen, weil man das Gefühl hat, von aller Welt beobachtet und in seiner Trauer beurteilt zu werden.
Es wurde in den letzten Jahren so viel von Trauerarbeit gesprochen, dass teilweise ein Druck entstanden ist, „richtig“ zu trauern: Zuerst kommt Phase 1, dann Phase 2, 3, und so weiter. So ist es nicht. Es ist zwar sinnvoll, dass es diese Modelle als Möglichkeit zur Vorbereitung gibt, aber wie der Einzelne dann wirklich trauert, das ist völlig individuell und lässt sich in kein Schema pressen. Es gibt Menschen, die Jahrzehnte nach einem Todesfall plötzlich in tiefe Trauer verfallen und solche, die bereits mit dem Tod die Trauerzeit praktisch abgeschlossen haben, weil die Trauer beispielsweise während einer langen Krankheit stattgefunden hat. Es gibt keine richtige Reihenfolge und keine korrekten Zeiten – da masse ich mir kein Urteil an, das Leben macht, was es will.

Der Glaube soll uns auch in der Trauer Halt geben. Tut er das auch?
Ich bin überzeugt, dass er das tut, das sehe ich an mir selbst. In ganz schlimmen Momenten, wenn uns das Gefühl der Ohnmacht und der Hilflosigkeit extrem stark überfällt, dann fangen wir an zu beten. Der Tod ist eine solche Nahtstelle im Leben, wo der Mensch auf seine urtümlichen Bedürfnisse zurückkommt, wo er beispielsweise der Hoffnung auf eine Weltordnung, die alles wieder ins Lot bringt, ganz natürlich im Gebet Ausdruck gibt.

Oft empfinden wir den Tod als harte Grenze. Erleben Sie das auch so?
Bis vor kurzem wurde im Augenblick, wo ein Arzt den Tod feststellt, der Schnitt gemacht. Das Leben wurde dadurch sozusagen von Bestattung und Abschied getrennt. Im Rahmen der Bemühungen um Palliative Care sind Tod, Bestattung und Abschied in den Sterbeprozess integriert worden. Der Bogen wird also anders gespannt, was beispielsweise für die Ausbildung des Pflegepersonals wichtige Auswirkungen zeigt. Das ist sehr wichtig, denn oft vergisst man nach dem Tod eines Menschen das Pflegepersonal. Diese haben einen verstorbenen Menschen in seiner letzten Lebensphase begleitet und oft eine engere Beziehung zu ihm entwickelt als Verwandte. Diese neue Sichtweise ist mir sehr wichtig, weil dadurch Bestattung und Abschied wieder als Teil des Lebens wahrgenommen werden. Ich spüre, dass der Tod weniger tabuisiert wird als auch schon.

INTERVIEW: THOMAS BINOTTO

Bei Fragen hilft die vorbildliche, äusserst übersichtliche Website des Bestattungs- und Friedhofamtes Zürich – nicht nur Stadtbewohnerinnen und -bewohnern – weiter:
www3.stzh.ch/internet/bva/bfa/


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WAS KANN ICH ERWARTEN?

Im Kanton Zürich werden verstorbene Einwohnerinnen und Einwohner im einfachen Rahmen unentgeltlich bestattet. Sie haben Anspruch auf: • Leichenschaugebühr
• einfachen Sarg und Einsargung
• eine Überführung der/des Verstorbenen innerhalb der Gemeinde
• Vollzug der Einäscherung oder Bestattung
• Abgabe einer Ton- oder Holzurne und Beisetzung derselben
• Abgabe eines Reihengrabes (Erdbestattung oder Urne), einer Nische oder eines Platzes im Gemeinschaftsgrab
• Grabnummer
• amtliche Publikation der Bestattung
• Bereitstellung eines Taxis für die nächsten Angehörigen
• Aufhebung von Reihengräbern und -nischen nach abgelaufener Ruhefrist 

BUCHTIPPS

Hänsli, Christoph; Loacker, Nobert: "Wo Zürich zur Ruhe kommt - Die Friedhöfe der Stadt Zürich". 288 Seiten Orell-Füssli 1998, Fr. 68.00. ISBN 3-280-02809-4.


Albert Hauser: "Von den letzten Dingen - Tod, Begräbnis und Friedhöfe in der Schweiz". NZZ Verlag 1994 (vergriffen, aber mit Sicherheit in vielen Bibliotheken vorhanden).