„Wünsch dir, was du willst“
Gegensätzlicher könnten die Welten nicht sein, die in der Erzählung von Salomes Tanz und der Enthauptung Johannes des Täufers aufeinander prallen. Auf der einen Seite massloser Palastprunk und überbordender Reichtum, auf der andern Seite rigide Askese und Weltentsagung. Doch das Drama entzündet sich nicht an materiellen Gegensätzen. Was den eigentlichen Konflikt herbeiführt, sind unterschiedliche moralische Überzeugungen. Johannes der Täufer steht für die Strenge des mosaischen Gesetzes, während man am Königshof des Herodes längst zur römischen Lebensart übergegangen ist. Zankapfel ist die Ehe von König Herodes und Königin Herodias. Nach jüdischem Verständnis kam schon Herodias’ erste Ehe einer Blutschande gleich, da sie einen Onkel geheiratet hatte. Dass sie sich von diesem aber wieder scheiden liess, um dessen Bruder Herodes zu heiraten, das war für jüdisches Empfinden definitiv zu viel.
 Die Dynastie der Herodier war in Israel von Anfang an unbeliebt. Benannt ist sie nach König Herodes dem Grossen, den wir aus der Weihnachtsgeschichte kennen. Dieser war selbst kein gebürtiger Jude und kam nur durch diplomatisches Geschick an die Macht über die israelitischen Provinzen. Dem römischen Kaiser Augustus war er treu ergeben. Entsprechend verhasst war er bei seinen jüdischen Untertanen. Nach seinem Tod wurde das jüdische Reich unter dreien seiner Söhne aufgeteilt, unter Archelaus, Philippus und Herodes Antipas, dem Protagonisten der Salome-Geschichte.
Einen König stellt man sich normalerweise als mächtigen Herrscher vor. Diesem Bild entspricht Herodes Antipas aber überhaupt nicht. Er ist lediglich König von Roms Gnaden, und seine einzige Aufgabe besteht darin, mögliche Konflikte zwischen der jüdischen Bevölkerung und der römischen Besatzungsmacht unter allen Umständen zu verhindern. Da kommt es ihm mehr als ungelegen, dass einer wie der Täufer, der eine immer grösser werdende Anhängerschaft hinter sich schart, sich gegen ihn in Szene setzt. Doch auch zuhause im Königspalast wird Herodes bedrängt. Dort von seiner eigenen Frau, die den unliebsamen Propheten aus dem Weg haben will.
Die biblischen Autoren sind nicht immer originell, nicht selten stehlen sie Erzählmotive aus anderen Überlieferungen. Der Salome- Episode liegt, so wird angenommen, ein Text des römischen Geschichtsschreibers Titus Livius zugrunde. Darin heisst es vom Konsul Gaius Flaminius, dass er bei einem Mahl seinem Lustknaben das Schauspiel einer Enthauptung vorführte. Bei späteren Autoren trat an die Stelle des Knaben eine Geliebte, die den Konsul zu der Tat drängt. Neu ist in der biblischen Version, dass nun zwei Frauen die Hinrichtung veranlassen.
Auch in nachbiblischen Zeiten wurde das Drama immer wieder umgestaltet. Während in Heinrich Heines „Atta Troll“ Herodias den Täufer geliebt hat, ist es in Oscar Wildes „Salome“ die Tochter, die ihren Stiefvater deshalb tänzerisch bezirzt, weil sie sich am Täufer rächen will, der ihre Liebe verschmäht und ihr einen Kuss verweigert. In Wut entbrannt schwört Salome, dass sie den Asketen küssen wird, koste es, was es wolle. Und tatsächlich, gegen Ende des Stücks küsst die junge Frau den abgeschlagenen Kopf des Johannes. Doch der Preis für diesen Triumph ist hoch. Salome bezahlt mit ihrem eigenen Leben. Diese hochdramatische Geschichte hat Richard Strauss 1905 zu einer Oper vertont. Man kann sich gut vorstellen, welch unglaubliche Provokation dieses Werk im wilhelminischen Deutschland darstellte. Doch allen schlechten Kritiken zum Trotz, das Publikum war so begeistert, dass sich die Opernhäuser um das Skandalstück geradezu rissen.
JUDITH HARDEGGER