SOS Narrenschiff
Die „Blicke“ meiner Mutter sind bis heute legendär. Wenn wir irgendwo zu Besuch waren, dann dirigierte sie damit – von Uneingeweihten nahezu unbemerkt – ihre vier Söhne und sorgte dafür, dass wir weder mutwillig das feine Porzellan zerstörten noch der Salatschüssel als Erste auf den Grund gingen. Anstand hiess das, was wir solchermassen gelenkt von klein auf lernten. Wir waren wohl zu eingeschüchtert und darüber hinaus zu einfältig, um zu begreifen, dass wir repressiv und reaktionär erzogen wurden. Und wir merkten auch nicht, dass damit unsere überschäumende Kreativität für immer flöten ging. Wie konnte es auch anders sein, da uns untersagt wurde, die Tapete zu bemalen und im Wohnzimmer ein Lagerfeuer zu entzünden.
Inzwischen herrscht glücklicherweise die grosse Freiheit: Anstandsregeln haben abgedankt und der uneingeschränkten Herrschaft des freien Mutwillens Platz gemacht. All das, was bei uns verboten war, zeugt von überbordender Lebenslust: Sich während des Essens nackt ausziehen, einem Gast die Zunge rausstrecken und sich in fremden Schlafzimmern umsehen, all das ist endlich ungemein niedlich, entzückend, allerliebst und nur für den unsensiblen Zeitgenossen zum Davonlaufen. Für solche Kleinkinderförderung nimmt die moderne Familie gerne in Kauf, immer seltener eingeladen zu werden. Und auch der Umstand, dass Freunde auf drohende Begegnungen mit sofortiger Buchung einer Polarreise reagieren, lässt sie kalt. Selbst die alljährlich nötig werdende Totalrenovation der Familienwohnung wird sich irgendwann schon noch auszahlen. Entscheidend ist allein, dass unser Nachwuchs in einem freiheitlichen und kreativen Klima aufwachsen kann.
Wider bessere pädagogische Einsicht wird es dennoch stets kurze Momente aufkeimenden Zweifels geben. Dann beispielsweise, wenn eine befreundete Familie, mit der man sich gerade in Erziehungsfragen blendend versteht, zu Besuch weilt. Deren Kinder erlösen das Home-Cinema-Center mit Fingerfarben vom eintönigen Grau und schleudern das Risotto gleich löffelweise durch den Raum. Wenn schliesslich die Eltern dieser Kreativbande noch ein „allerliebst“ flöten, dann fällt das verständnisvolle Schmunzeln schwerer als auch schon und die sanfte Hand sitzt plötzlich unverschämt locker.
THOMAS BINOTTO