Liebe Leserin, Lieber Leser
Krank sein unterbricht – den wohlgeordneten Alltag zwischen Hektik und Routine – die Vorstellung, über das Leben Regie zu führen – den Glauben, stets unverletzbar und leistungsfähig zu sein, sein zu müssen.
Aus der Normalität vertrieben, in unterschiedlichem Mass durch einen Unfall, eine lebensbedrohende Krankheit oder auch nur eine Grippe, drängt durch die Brüche, was bisher aus Zeitmangel, Angst oder Unachtsamkeit ver-drängt, als unwichtig abgetan oder auf später verschoben wurde.
Führe ich das Leben, das ich wirklich will? Das meinen Fähigkeiten und meinem Wesen entspricht. Welches sind meine Ziele, meine Prioritäten? Auf welche Werte setze ich? Wie gehe ich mit meiner Vergangenheit um, und welche Zukunft wünsche ich mir? Und vor allem: Wo sehe ich den Sinn meines Lebens? Wohin richte ich mich aus?
Wenn jetzt, inmitten all dieser Fragen, jemand an die Zimmertüre klopfte, zu Hause oder im Spital, eintreten würde, unangemeldet, unaufdringlich, und das Gespräch anböte oder auch nur die mitfühlende Gegenwart. Eine Seelsorgerin, ein Seelsorger, bereit zu begleiten: im Schweigen und im Reden über Gott und die Welt. Diese Gelegenheit nicht wahrzunehmen, wäre eine Chance verpasst. Für den Patienten wie für den Seelsorger. Neben Lebensfragen hätten in diesem Austausch Momente des Glücks und der Gottnähe genauso Platz wie unheilsame Gottesbilder oder frustrierende Erfahrungen mit der Kirche. Vieles könnte besprochen und korrigiert, anderes vielleicht verstanden und akzeptiert werden.
Krankenpastoral ist „Geh-hin-Kirche“ par excellence: Sie besucht den Menschen, wenn er am verletzlichsten ist. Und am empfänglichsten. Wo sie gelingt, wird erlebbar, was Kirche sein soll: persönliche Begegnung und behutsame Begleitung im Namen Gottes.
PIA STADLER