In der Schwäche den Menschen nah
Die Sonne scheint fahl an diesem Septembernachmittag. Zeichen des nahenden Herbstes. Leise Melancholie liegt über dem idyllisch scheinenden Garten des Zürcher Universitätsspitals. In der Sterilpflegestation, der Abteilung für Knochenmarktransplantation, sind Patienten und Personal froh über Sonnenstrahlen im Alltag. Barbara Müller (51) liegt seit zwei Wochen im Isolierzimmer. Zum zweiten Mal, seit vor einem Jahr Myelom diagnostiziert wurde. Wer die Glarnerin besuchen möchte, zieht sich einen sterilen Mantel an und desinfiziert sich die Hände. Auch Diakon Markus Zweifel, Leiter der Spitalseelsorge am Unispital, der die Patientin regelmässig zweimal pro Woche besucht. Wie immer kommt das Gespräch schnell in Gang. Im Zentrum stehen die Befindlichkeit, der Heilungsverlauf, Lebensfragen. „Schon bei der ersten Begegnung hat es sofort Klick gemacht“, erinnert sich die Patientin, „und seither reden wir über Gott und die Welt.“ Sie schätze die Unkompliziertheit und das Undogmatische. „Stundenlange Bibelzitate hätte ich nicht so gerne.“ Ob sie den Seelsorger von sich aus gerufen hätte, weiss sie nicht genau. Umso dankbarer war sie über den unaufgeforderten Besuch. „Mit der Diagnose wurde mir damals der Boden unter den Füssen weggezogen. Halt, Hoffnung und Kraft finde ich seither im Glauben und bei der Familie.“
Eine Krankheit wirft den Menschen auf sich selbst zurück. Spitalerfahrung ist stets auch eine Grenzerfahrung, nicht nur in lebensbedrohlichen Situationen. Die Abgeschiedenheit des Krankenzimmers wird zum Ort der Besinnung. Zeit genug, über das Leben nachzudenken.
GRENZERFAHRUNG SPITAL
Der Besuch eines Spitalseelsorgers werde von den meisten Patienten erfreut entgegengenommen, sagt Markus Zweifel. Zurückweisungen seien selten. Krisensituationen machen Menschen empfänglich. Für viele ist es die erste direkte Begegnung mit einem Seelsorger. „Wir begleiten die Menschen während ihrer Zeit im Spital und bieten Hilfe vom Glauben und von der Kirche her, wir beten, spenden Krankensegen, Kommunion oder Krankensalbung, feiern Gottesdienste. Oft werden unsere Gespräche auch zur Lebensberatung“, erklärt Markus Zweifel. „Krankenpastoral ist ein selbstloser Dienst der Kirche an den Kranken“, meint Theologe Hannes Steinebrunner pointiert. „Wo er gelingt, ist er ausgezeichnete Imagewerbung für die Kirche.“
Für viele Patienten ist die Spitalseelsorge denn auch die beste Erfahrung, die sie je mit der Kirche gemacht haben. Meist auch die persönlichste und tiefgreifendste. Das Gefühl, nicht allein zu sein. Ein Raum der Emotionalität in der Rationalität der medizinischen Versorgung. Hier hat alles Platz: Hoffnung, aber auch Angst und Perspektivenlosigkeit.
Dass Freude und Trauer oft nah beeinander liegen, weiss Tatjana Disteli aus jahrelanger Erfahrung. In der Intensität der Seelsorgebegegnung brechen Blockaden auf, kommt das Leben in Fluss. „Heile Momente“, „Sternstunden“ nennt Tatjana Disteli diese eigentlich „unbenennbaren“ Momente. Hannes Steinebrunner erlebt sie als „göttliches Mysterium“.
Augenblicke, die Kraft geben, nicht nur den Patienten, auch den Seelsorgern. Doch nicht allen Kranken gelingt es gleich gut, sich einem höheren Ganzen anzuvertrauen. Einige hadern mit ihrem Schicksal, empfinden es als Strafe Gottes. Hier können Gespräche helfen, zu einem anderen Gottesbild zu kommen und die Krankheit in die Lebensgeschichte zu integrieren.
HEILENDE WIRKUNG
Welche Antworten kann Spitalseelsorge geben angesichts unerträglicher Schmerzen und lebensbedrohlicher Krankheiten? „Spitalseelsorge hilft auszuhalten“, sagt Hannes Steinebrunner. „Das ist unterstützender und auch schwieriger, als theologische Antworten zu geben.“ Dass die Krankenpastoral wesentlich zur Genesung betragen kann, davon ist der Seelsorger überzeugt. „Ritualisierungen geben Sicherheit in unsicherer Zeit. Gebet, Krankensalbung, Segnung vermitteln Halt, machen stark und weich zu gleich, mit den Tränen lösen sich oft auch psychische Verhärtungen.“ Gerade nach Krankensalbungen gehe es den Patienten vielfach erstaunlich gut, bestätigt Markus Zweifel. Und die Kommunion werde vielen zur Wegzehrung auf dem Weg zum Gesundwerden. Hannes Steinebrunner: „Reife Formen der Religiosität haben eine heilende Wirkung auf den Menschen.
“ Gemäss dem neuen Patientengesetz im Kanton Zürich haben die Patienten das Recht auf Betreuung durch Spitalseelsorgerinnen und -seelsorger ihrer Konfession. Die Seelsorger dürfen die Patienten unaufgefordert besuchen. Für die Organisation und Durchführung der Spitalseelsorge sind die Pfarreien zuständig. Untereinander sind die Spitalseelsorgerinnen und -seelsorger bis auf gesamtschweizerisches Niveau vernetzt. Das katholische Pfarramt des Universitätsspitals ist ein eigenständiges Pfarrrektorat der Pfarrei Liebfrauen. Die sechs Seelsorgerinnen und Seelsorger teilen sich 3,4 Vollzeitstellen und vier Büros. Tür an Tür mit den reformierten Kollegen. Ökumene wird gross geschrieben, auch mit den Christkatholiken. Regelmässig werden gemeinsame Gottesdienst gefeiert, rege Dialoge über die Gestaltung der Angebote geführt, Aufgaben verteilt. Die Seelsorger erhalten regelmässig Informationen über die Neueintritte von Patienten. Ziel ist es, die Kranken innerhalb der ersten sieben Tage zu besuchen. Nach Möglichkeit und Bedarf kommen Seelsorger der italienischen, spanischen, portugiesischen und seltener auch anderer Missionen ins Spital, um ihre Landsleute zu sehen. Ein Kontakt, der gerade bei beschränkten sprachlichen Verständigungsmöglichkeiten sehr wichtig ist. Um rund um die Uhr priesterliche Dienste gewährleisten zu können, besteht ein Pikettdienst, der durch den Priestermangel immer aufwändiger zu organisieren ist.
AUCH FÜR ANGEHÖRIGE UND PFLEGENDE
Spitalseelsorge richtet sich nicht nur an Patienten. Von Bedeutung ist auch, gerade bei Langzeitpatientinnen und Sterbenden, die Betreuung der Angehörigen, deren Leben durch die Krankheit oft auch eine tiefgreifende Änderung erfahren hat. Wichtig ist zudem der Kontakt mit den Mitarbeitenden im Spital. „Es ist ein beruhigendes Gefühl, dass jemand da ist für ein persönliches Gespräch“, meint Cornelia Erne, stellvertretende Leiterin Pflege in der Notfallstation. Psychische und physische Überforderungen können zur Sprache kommen und aufgefangen, Konflikte gelöst werden. Erik Aerts, Abteilungsleiter der Sterilpflegestation, betont die Wichtigkeit der Spitalseelsorge zur Begleitung eines interdisziplinären Teams. „Das Bedürfnis nach einer Kontaktperson ist sehr gross im Spitalalltag, bei allen Beteiligten, Patienten, Angehörigen und Pflegenden.“
Dass sich oft auch Gespräche über medizinisch- ethische Grundsatzfragen ergeben, erstaunt nicht. Die Spitzenmedizin verlangt nach Ethikforen, in denen die Kirche ihren Beitrag leisten kann zur Diskussion wichtiger zeitgenössischer Themen.
UNGEWISSE ZUKUNFT AUSHALTEN
„Ich erfahre in der Seelsorge, dass jemand meine Krankheit mitträgt“, sagt Barbara Müller. „Das gibt mir ein Gefühl des Aufgehobenseins und der Sicherheit.“ Ihr Bedürfnis nach Spiritualität sei grösser geworden in den letzten Monaten. Und nach Entschleunigung. „Ich lasse mir Zeit und erfreue mich an Kleinigkeiten. Vor allem aber habe mit der Frage nach einer ungewissen Zukunft leben gelernt.“
PIA STADLER
Weitere Informationen unter
www.spitalseelsorge.ch
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