Aufschrei des Glaubens
„Hast du auf meinen Knecht Ijob geachtet? Seinesgleichen gibt es nicht auf der Erde.“ Welche Freude, welcher Stolz liegt in diesen Worten Gottes, als er Satan nach dessen Erfahrungen auf der Erde befragt. Und in der Tat, Satan hatte ihn nicht übersehen, diesen Mann aus dem Lande Uz, der im Wohlstand lebte und ein untadeliges und gottgefälliges Leben führte. Aber war Gottes Stolz wirklich gerechtfertigt? War Ijob nicht auch nur einer von vielen, die versuchen, sich Gottes Liebe zu „verdienen“? War sein untadeliges Leben nicht einfach nur die Frucht seiner Angst vor Gottes Zorn und Strafe? Die Frage ist fundamental: Gibt es die reine, absichtslose Liebe? Für Satan ist der Fall klar: Kein Mensch, auch Ijob nicht, tut irgendetwas umsonst und ohne Absicht. Gott ist letztlich umgeben von Höflingen, die verzweifelt um seine Gunst ringen.
Nur einer kann diesen Vorwurf wirklich entkräften: der Mensch selber. Und so erklärt sich Gott bereit, seinen Freund Ijob in die Hand Satans zu geben. Was für ein Vertrauen muss Gott in Ijob haben, denn von diesem hängt nun sein ganzer Ruf ab. Satan macht sich gleich ans Werk und lässt zuerst einmal sein Sortiment an Unheil und Krankheit über Ijob hereinbrechen. Das ist aber nur der Anfang. Seine Hauptwaffe sind die drei Freunde, die von weit her anreisen und erst einmal sieben Tage mit Ijob im Schweigen trauern. Dann erst beginnen sie, Satans Gift in Ijobs Wunden zu träufeln. Unter dem Schein der Sittlichkeit und Frömmigkeit versuchen sie ihren Freund von der Notwendigkeit zu überzeugen, seine Sünden zu bereuen und zu Gott umzukehren. Ihre Logik ist einfach: Wer derart von Gott gestraft wird, muss gesündigt haben.
Aber Ijob weigert sich, der Logik seiner Freunde zu folgen. Trotz all seiner Qual beharrt er auf seiner Unschuld vor Gott. Mehr noch, er beginnt, Gott seinen Schmerz und seine Klage angesichts des sinnlosen Leidens unverblümt an den Kopf zu werfen. Sein Schreien steigert sich zur Gotteslästerung, zur Infragestellung von dessen Gerechtigkeit und Dasein. Gerade dadurch aber wird Ijob zum Zeugen für seinen Gott, der die Liebe nicht vom knechtischen Gehorsam des Menschen abhängig macht. Kein Leid, keine Krankheit und auch nicht seine Verzweiflung können Ijob dazu bringen, sich der verführerischen Logik seiner Freunde zu unterwerfen und einem Gott zu huldigen, dessen Liebe er erst erkaufen müsste. Damit bestätigt Ijob das Vertrauen Gottes in seine reine, absichtslose Frömmigkeit und widerlegt Satans Vorwurf einer Religiosität der Berechnung und der erworbenen Ansprüche.
Ijobs verzweifelte Klage konfrontiert auch uns mit der irritierenden Frage, ob sich hinter der lautstarken Ablehnung Gottes nicht manchmal vielleicht ein authentischerer Glaube verbirgt als hinter manch pflichtbewusstem Sonntagskirchgang. Wir tun gut daran, in den Klagen und Protesten unserer Zeitgenossen die verborgene Sehnsucht Ijobs nicht zu überhören: „Doch ich weiss, mein Erlöser lebt … meine Augen werden ihn sehen … Danach sehnt sich mein Herz.“
BEAT ALTENBACH SJ,
HOCHSCHULSEELSORGER, AKIÂ