Liebe Leserin, lieber Leser
Beichtzwang und Sonntagspflicht, das klingt eng und reglementiert – Sakramente erscheinen als lästige Routine. In den Sakramenten soll Jesus Christus gegenwärtig sein – und doch will häufig wenig Freude aufkommen. Sogar der Kirche selbst gelingt es oft nicht, Sakramente als freudige Ereignisse darzustellen. Man stöhnt über die „Festtags-Show“ bei Taufe, Erstkommunion, Firmung und Hochzeit, versucht bei der Eucharistiefeier krampfhaft wieder auf Quoten zu kommen, vermittelt von der Berufung zum Priestertum eher den Eindruck einer Korsettanprobe als einer Gabe Gottes.
Und doch glauben wir in der Theorie, dass Sakramente mindestens zwei Dinge bewirken: Sie machen uns wahrhaft frei und selbstbewusst. Der Katechismus spricht nicht mehr vom Busssakrament, sondern vom Sakrament der Versöhnung. Die „Letzte Ölung“ wurde zur Krankensalbung, die allen Menschen in schwerer Not Kraft geben soll. In den Sakramenten werden wir zu königlichen Menschen.
Sakramente sollen unser Leben nicht schwieriger, reglementierter und ängstlicher machen, sondern einfacher, freier und fröhlicher. Auf Disziplin zu pochen, die Empfänger säuerlich in die Pflicht zu nehmen, das wird dazu wenig beitragen. In den Sakramenten nimmt Gott unsere menschlichen Bedürfnisse ernst, sie sind sein Angebot zur Lebenshilfe und zur Befreiung. Wer das erfährt, dem fällt es leichter, sich Sakramente nicht mehr als Ausnahmezustand, sondern als Alltag zu wünschen und sich ihren Herausforderungen zu stellen. Die Kirche hat mit den Sakramenten etwas zeitlos Grossartiges im Angebot – sie sollte es nicht durch ängstlichen Zwang und schlechte Laune verderben.
THOMAS BINOTTO