Wenn andere ernten
Ist es nicht eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, dass Mose in Sichtweite des gelobten Landes zurückbleiben muss, nachdem er sich jahrzehntelang bis zur Selbstverleugnung für Jahwe und das Volk Israel abgerackert hat? Und das alles nur, „weil ihr mir nicht geglaubt habt und mich vor den Augen der Israeliten nicht als den Heiligen bezeugen wolltet, darum werdet ihr dieses Volk nicht in das Land hineinführen, das ich ihm geben will“. So hart bestraft Gott seine Propheten Mose und Aaron für einen kurzen Moment des Zauderns, einen Augenblick der Schwäche.
Ein gewaltiges Epos, verkörpert von einer einzelnen Figur, mündet damit scheinbar in der Unvollendung. Ein Säugling, den Fluten des Nils ausgesetzt, von der Tochter des Pharaos gerettet und adoptiert – ein junger Mann, der sich gegen die Gewalt an Sklaven zur Wehr setzt, deshalb flüchten muss und vierzig Jahre lang als Schafhirt lebt – ein wehrhafter Greis, der sein Volk aus der Gefangenschaft herausführt und es weitere vierzig Jahre durch die Wüste begleitet – eine derart monumentale Odyssee endet in jedem durchschnittlichen Roman mit einem triumphalen Happy End.
Nicht so bei Mose. Er darf das gelobte Land zwar sehen, es aber nicht betreten. Was ihm noch bleibt, ist die Ernennung eines Nachfolgers. Dieser wird ernten, wofür Mose sein ganzes Leben geschuftet und gelitten hat.
Und doch zeugt dieser bittere Moment von einer eindringlichen universalen Lebenserfahrung. Auch unsere Anstrengungen enden selten mit dem Ernten der Früchte. Als Ältester bricht man seinen jüngeren Geschwistern eine Bahn bei den gestrengen Eltern. – Die eine Generation baut auf, was die nächste ahnungslos geniesst. – Der Star vergisst, wer ihm die erste Chance gegeben hat.
Auch all jene, die sich für unsere Kirche abmühen, fahren selten eigenhändig die Ernte ein. Da setzt man sich jahrelang für Reformen ein, will etwas bewirken, ackert unermüdlich im Weinberg des Herrn. Und alles, was man dafür zu hören kriegt, ist ein barsches „Never“ oder wenns hochkommt ein vertröstendes „Noch-nicht“.
Als Teresa von Avila einmal einen gefährlichen Fluss durchqueren musste, rutschte sie aus und geriet unter Wasser. Dort hörte sie die Stimme Gottes sagen: „So behandle ich meine Freunde.“ Worauf sie lakonisch erwidert haben soll: „Jetzt kenne ich auch den Grund, weshalb du davon so wenige hast.“ Teresa war eine grosse Reformerin der Kirche, aber sie zielte nicht darauf ab, selbst zu ernten, was sie gesät hatte. Für sie war das Projekt „Kirche“ in jeder Beziehung grösser als sie selbst – auch in seiner zeitlichen Dimension. Aber das hat sie nicht gelähmt, im Gegenteil, sie wurde dadurch erst richtig frei, sich vehement für Reformen einzusetzen. Der Leistungsdruck war weg, das Rennen konnte gewonnen werden, weil sie es über ihr eigenes Leben hinaus ausgedehnt hatte. Genau wie Mose hat sie ihren Einsatz nicht davon abhängig gemacht, wie viel davon ihr persönlich zugute kommen sollte. Wer etwas bewirken will, hält sich mit Vorteil an die Igel. Anstatt wie ein einsamer Hase verbissen alleine bis zum Zielstrich rennen zu wollen, setzen sie auf die Staffel und übergeben rechtzeitig den Stab.
THOMAS BINOTTO