Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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GLOSSE

SOS Narrenschiff

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Nach dem Kauf einer Kinderzeitschrift mit Extra hat meine sechsjährige Tochter für ein paar Stunden ein Silikonband ums Handgelenk getragen – und sich offen dazu bekannt: „I’m a football-star.“
Wer kurz davor steht, in der Piktogrammflut die Orientierung zu verlieren; wer sich vor den Tasten auf der Fernbedienung seines Heim-Unterhaltungs-Zentrums fürchtet, ganz besonders vor den multifunktionalen; wer längst nicht mehr versucht, hinter einer Abkürzung auch noch einen Sinn zu entdecken – all jene also, die gerne das X vom U unterschieden haben, sie stehen vor einer neuen Herausforderung.
Diesmal geht es um die Farbenlehre der Event-Ethik, ums kleidsame Bekenntnis zum Überstreifen. Die Silikonbänder zeigen nämlich nicht nur Modebewusstsein an, sondern auch tiefsinnige Botschaften. Je nach Farbe demonstriert man: Einmal gegen Krebs, dann für den Frieden, anderntags gegen Armut – Bekenntnisse also, die extremen Mut verlangen, weil man einer bedrohlichen Mehrheit gegenüber steht, die von Krebs und Armut begeistert ist und den Frieden verabscheut.
Eine schöne runde Sache ums Handgelenk also, unfallsichere Bänder, die nirgends anecken oder hängen bleiben. Für Christen, die nicht plötzlich als Silikon-Poor dastehen wollen, wirds dennoch unhandlich, weil sie nun anstatt mit dem einen Kreuz in Vollbereifung auftreten müssen, um wenigstens einen Bruchteil dessen auszudrücken, wozu das Symbol des Christentums herausfordert.
Vom 9. bis 11. September wurde nun gar ein nationaler Bändelitag ausgerufen. Dann trägt der mutige Mensch weltweit weiss, um damit seinen heroischen Kampf gegen Armut zu dokumentieren. Für 5 Franken öffnet sich ihm das Tor zum Himmel der Gerechten. Nach dem Wunsch des Fastenopfers sollen dann „weisse Tücher an auffälligen Stellen für die Armutsreduktion werben“. Es ist zu hoffen, dass damit nicht an jene altmodische Farbensymbolik angeknüpft werden soll, wonach die weisse Fahne für Kapitulation steht.
Eintrag ins Logbuch: Das Fastenopfer wird meine Spende auch in Zukunft erhalten, keine Frage – aber mit dem Plastik halte ich es wie beim Einkauf, den überlasse ich als Verpackungsmüll dankend dem Verkäufer.

THOMAS BINOTTO

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Das „Narrenschiff“, 1494 von Sebastian Brant verfasst, ist eine spätmittelalterliche Satire, in der durch bewusste Übertreibung der Zeitgeist karikiert wird.