Ende gut, alles gut
Die alttestamentlichen Bücher Tobit, Judit und Ester haben zwei Dinge gemeinsam: Alle drei sind erst spät in den katholischen Bibelkanon aufgenommen worden und sie gehen mit Geschichte und Geographie sehr frei um. Tobit beispielsweise soll in seiner Jugend die Reichsteilung nach dem Tod des Königs Salomon (931 v. Chr.) erlebt haben, er soll mit dem Stamm Naftali in Gefangenschaft geführt worden sein (734 v. Chr.) und sein Sohn Tobias soll erst nach der Zerstörung Ninives gestorben sein (612 v. Chr.). Die Entfernung zwischen dem auf 2000 Metern Höhe gelegenen Rages und Ekbatana mitten in der Ebene wird mit zwei Tagesreisen angegeben, dabei liegen die beiden Städte 300 Kilometer voneinander entfernt.
Wie dem auch sei, spannend ist die Novelle, in der Tobit seine Lebensgeschichte erzählt, allemal. „Ich, Tobit, habe mich mein ganzes Leben lang an den Weg der Wahrheit und Gerechtigkeit gehalten, und ich habe den Brüdern aus meinem Volk aus Barmherzigkeit viel geholfen.“ So beginnt die Erzählung, und das Motiv von Tobits besonderer Treue zu den göttlichen Geboten und seiner Grosszügigkeit gegenüber den Stammesgenossen wird immer wieder auftauchen. Verbotenerweise begräbt er ermordete Israeliten und erleidet dafür die Verfolgung durch die Machthaber Ninives. Als er zu allem Übel hin auch noch erblindet, muss er sich die Klage seiner Frau anhören: „Wo ist denn der Lohn für deine Barmherzigkeit und Gerechtigkeit? Jeder weiss, was sie dir eingebracht hat.“ Tobit aber fleht um Gottes Hilfe mit einem herzzerreissenden Gebet.
Schauplatzwechsel. Auf einer Reise nach Medien hatte Tobit einst einem gewissen Gabaël Geld zur Aufbewahrung übergeben. An dem Ort, wo Tobit sein Geld hinterlegt hatte, wird eine Frau namens Sara von den Mägden ihres Vaters beschimpft, weil der Dämon Aschmodai ihre sieben bisherigen Männer getötet hat. Auch Sara wendet sich im Gebet an Gott und bittet ihn, sie sterben zu lassen oder ihr sein Erbarmen zu zeigen. Gott erhört Tobits wie auch Saras Gebet und sendet seinen grossen Engel Raphael, damit er beiden helfe. Und das geschieht so: Tobit erinnert sich an sein Geld in Medien und beauftragt seinen Sohn Tobias, er solle es zurückbringen. Unter Raphaels Führung, der sich in Menschengestalt als Begleiter angeboten hat, reist Tobias nach Medien, trifft dort Sara, verliebt sich in sie, besiegt den Dämon Aschmodai, heiratet Sara und kehrt sicher mit dem Geld seines Vaters und einem Heilmittel für dessen Augen nach Ninive zurück. Als Tobit und Tobias Raphael die Hälfte des mitgebrachten Geldes als Lohn auszahlen wollen, offenbart dieser seine wahre Identität und kehrt zu Gott zurück. Ende gut, alles gut.
Die Tobit-Geschichte kombiniert jüdische Frömmigkeit und orientalische Folklore in faszinierender Weise. Ähnlich wie in der Jona- oder der Judit-Erzählung wird moralische Erbauung in Form eines rührenden Romans an den Mann und die Frau gebracht. Treue zum religiösen Gesetz, Respekt gegenüber den Eltern, Ehrfurcht vor den Toten, Vertrauen auf die Fürsprache der Engel, Almosengeben, Beten und Fasten – an all das wird appelliert. Ob sich die damaligen Leserinnen und Leser auf diese Weise ansprechen liessen? Dass die unschuldig Leidenden am Ende zu ihrem Recht kommen und auch die Verzweifeltsten irgendwann ihr Glück finden, das mag in Romanen und Filmen so sein – im richtigen Leben bleiben Fragen unbeantwortet und Klagen manchmal ungehört. Doch selbst wenn wir nicht mehr an einen „Der Papa wirds schon richten“-Gott glauben, treffen wir hoffentlich dennoch immer wieder auf Schutzengel. Die heissen dann vielleicht nicht Raphael, retten uns aber ebenso wie den jungen Tobias vor Ungeheuern, die drohen, uns in die Tiefe zu reissen.
JUDITH HARDEGGER