Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Sie sind hier: Startseite Archiv 2005 forum Nr. 18, 2005 „Hast du keine Lust mehr zu leben?“
Suizid von Kindern und Jugendlichen

„Hast du keine Lust mehr zu leben?“

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Was die Selbsttötungsrate betrifft, belegt die Schweiz im internationalen Vergleich einen Spitzenrang. Nicht nur Erwachsene legen Hand an sich, auch Kinder und Jugendliche sehen bisweilen keinen andern Ausweg. Suizid und Suizidversuche von Kindern und Jugendlichen sind allerdings nach wie vor ein Tabuthema. Der Kinder- und Jugendpsychiater Hans-Christoph Steinhausen spricht über Ursachen, Hintergründe und Präventionsmöglichkeiten.

forum: Werden in der Schweiz Suizide von Kindern und Jugendlichen immer häufiger?
Hans-Christoph Steinhausen: Diese Frage ist kaum zu beantworten. Immer wieder wird behauptet, unsere heutigen Lebensumstände seien besonders schwierig, alles werde immer problematischer, da müsse die Suizidrate doch zunehmen. Für eine fundierte Antwort auf diese Frage müsste man über lange Zeit kontinuierlich Erhebungen machen, und zwar mit den immer gleichen Standards, um dann die Ergebnisse vergleichen zu können. Solche langfristigen Untersuchungen über Jahrzehnte gibt es in der Schweiz nicht. Aber es gab in den 1990er Jahren auf internationaler Ebene den Versuch, die vorhandenen Statistiken des letzten Jahrhunderts zu analysieren. Dabei ist herausgekommen, dass in den westlichen Industrieländern bei den jungen Menschen – also bei den 14- bis etwa 25-Jährigen – die Rate der Suizidversuche in der Tat beträchtlich gestiegen ist.

Gibt es Geschlechtsunterschiede im suizidalen Verhalten?
Wenn wir nicht von Selbsttötungsversuchen, sondern von tatsächlich erfolgten Selbsttötungen sprechen, dann überwiegt eindeutig das männliche Geschlecht. Männer wählen in der Regel harte Mittel wie Erhängen, Erschiessen oder den Sprung vor Verkehrsmittel. Da ist die Wahrscheinlichkeit, wirklich umzukommen, viel grösser als bei sogenannt weichen Methoden, die eher von Frauen bevorzugt werden. Beim Versuch, sich mit Medikamenten zu vergiften, gelingt oft die Dosierung nicht oder die Person wird rechtzeitig gefunden und kann reanimiert werden. In jüngster Zeit stellen wir allerdings fest, dass sich diese geschlechterspezifischen Unterschiede immer mehr angleichen.

Wollen sich denn im Gegensatz zu Männern viele Frauen gar nicht wirklich umbringen, sondern vielmehr die Aufmerksamkeit auf sich lenken?
Das halte ich für eine gefährliche Spekulation. Man muss in jedem Fall den Hintergründen genau nachgehen und auch abklären, welche psychischen Leiden eine Rolle spielen können. Man darf nicht von vornherein mit einer solchen Hypothese arbeiten.

Wo orten Sie die Ursachen von Suiziden und Suizidversuchen? Sind Kinder oder Jugendliche, die sich selbst töten wollen, psychisch krank?
Nicht unbedingt. Wir unterscheiden verschiedene Gruppen: Bei den akuten Fällen spielen keine längerfristigen Verhaltensauffälligkeiten oder Störungen eine Rolle. Da ergibt sich der Suizid oder Suizidversuch sehr stark aus aktuellen Auseinandersetzungen, Problemzuspitzungen und Krisen. Davon unterschieden werden die chronischen Fälle, wo längerfristige Probleme, meistens Beziehungsprobleme, vorhanden sind und wo die Befindlichkeit über längere Zeit beeinträchtigt ist. In einer dritten Gruppe schliesslich geht es ebenfalls um chronische Fälle, doch liegen da auch Verhaltensauffälligkeiten oder psychische Störungen im eigentlichen Sinn vor. Mit Verhaltensauffälligkeiten meinen wir zum Beispiel Stehlen, wiederholtes Weglaufen, Drogenkonsum, Trinkexzesse, körperliche Auseinandersetzungen oder Konflikte mit der Polizei.
Was die Ursachen angeht, gilt es erstens die Hintergrundfaktoren zu beachten: Was ist im Kontext, wo die Jugendlichen aufwachsen, an familiären Belastungen zu sehen? Allein stehende oder fehlende Eltern, Kommunikationsdefizite, Alkoholismus und Drogenmissbrauch oder Heimunterbringungen kommen in Familien mit jugendlichen Suiziden verhältnismässig häufig vor. Darüber hinaus sind viele Kinder und Jugendliche mit Suizidversuchen das Opfer von Misshandlungen, einschliesslich sexuellen Missbrauchs. Zweitens geht es bei der Ursachenfindung um spezifische Probleme im Vorfeld von suizidalen Handlungen. Hier dominieren Konflikte mit den Eltern, Probleme in der Schule, am Arbeitsplatz oder in Freundschaftsbeziehungen. Und drittens kommen die Motive ins Spiel, die eine versuchte oder vollendete Selbsttötung auslösen. Als Folge der beeinträchtigten Lebensgeschichte entsteht bei einigen Jugendlichen eine besondere Anfälligkeit für Gefühle der Hoffnungslosigkeit. Suizidhandlungen werden umso wahrscheinlicher, je unattraktiver das Leben und je attraktiver der Tod erscheint. Die enthemmende Wirkung von Alkohol und die schnelle Verfügbarkeit von Medikamenten können schliesslich den letzten Schritt erleichtern.

Haben Kinder und Jugendliche zu wenig Halt, zu wenig Begleitung von Erwachsenen? Ist der Familienzerfall schuld oder sind junge Menschen weniger belastbar als früher?
Ich bin in solchen Diskussionen sehr zurückhaltend, denn mir scheint das viel zu verallgemeinernd. Man kann sich endlos über die Schwierigkeit des Aufwachsens von Jugendlichen in unserer Zeit unterhalten, doch wirklich faktenorientiert ist das selten. Solchen Behauptungen würde ich die Tatsache entgegenhalten, dass die überwiegende
Mehrheit der Jugendlichen psychisch stabil und psychosozial gut integriert, ja einfach „stinknormal“ ist. Denken wir nur mal einige Zeit zurück. Früher sind Kinder viel stärker ausgebeutet worden und mussten viel härter arbeiten, sie hatten viel weniger Schule und wurden mit 13 oder 14 Jahren ins Arbeitsleben integriert, manchmal schon früher. Dennoch gab es nicht mehr suizidales Verhalten.
Was allerdings heute sicherlich einen nicht zu ignorierenden Faktor darstellt, ist die geringere Verfügbarkeit der Eltern für Erziehungsaufgaben. Doch selbst hier kann man wieder fragen, ob denn die Eltern früher wirklich die besseren Erzieher gewesen sind. Letztlich schafft jede Zeit spezielle Probleme, hat aber auch spezielle Ressourcen. Am ehesten sehe ich heute die mangelnde Leitung als ein Problem an. Gelungene Erziehung hat zwei Komponenten: Sie muss emotional, aber auch autoritativ sein, was nicht mit autoritär zu verwechseln ist. Kinder brauchen liebende Zuwendung, aber auch Regeln, Werte und Strukturelemente. Wenn beides vorhanden ist, sind das gute Voraussetzungen für eine positive Entwicklung und für die Herausbildung von Schutzfaktoren, damit jemand nicht gleich bei der kleinsten Belastung zusammenbricht oder verhaltensauffällig wird. Nur ist natürlich auch das keine Garantie für ein krisenfreies Leben.

Ist Suizidalität vererbbar?
Suizidalität selbst sicher nicht. Was allenfalls vererbbar ist, ist ein bestimmtes Risiko für gewisse psychische Leiden, wobei es kein psychisches Leiden gibt, das ausschliesslich vererbt ist, nicht einmal die Depression, die ja doch einen hohen Anteil an familiärer Vorbelastung aufweist. Also wenn schon, dann ist beispielsweise eine Anfälligkeit für eine depressive Störung zu einem gewissen Teil erblich bedingt und diese wiedrum kann das Suizidrisiko erhöhen.

Gibt es den oft beschriebenen Nachahmeffekt bei Selbsttötungen tatsächlich?
Dass es diesen sogenannten „Werther-Effekt“ gibt, ist genügend oft untersucht worden und dazu tragen die Medien kräftig bei. Es ist nachgewiesen, dass sensationelle Darstellungen vom Suizid eines Popstars beispielsweise Nachahmungen auslösen können. Hier sind Jugendliche mehr gefährdet als Erwachsene, weil sie in ihrer Persönlichkeit noch nicht so gefestigt sind und sich stärker durch ihr Umfeld beeinflussen lassen.

Wird jeder Suizid in irgendeiner Form angekündigt?
Nein. Aber alles, was angekündigt wird, ist besonders ernst zu nehmen. Ankündigungen dürfen auf keinen Fall ignoriert werden. Wenn man zum Beispiel einen Abschiedsbrief findet, einen Tablettenkauf bemerkt oder wenn Suizidabsichten explizit geäussert werden, muss man unbedingt reagieren.

Und wie soll man auf solche Ankündigungen reagieren?
So konkret wie möglich. „Hast du keine Lust mehr zu leben?“ ist eine der am meisten tabuisierten Fragen. Doch um den heissen Brei rumzureden, ist immer verkehrt. Und man sollte auch nicht zögern, professionelle Hilfe beizuziehen. Es gibt genügend Fachstellen, an die man sich wenden kann. Dazu gehört im Kanton Zürich zum Beispiel der von mir geleitete Kinder- und Jugendpsychiatrische Dienst.

Gibt es für Eltern oder Lehrpersonen eine Möglichkeit der Früherkennung von Suizidabsichten?
Was man herausspüren könnte, sind Entwicklungen, die in Richtung Depression führen. Und die Depression ist nach wie vor die häufigste psychische Störung, die zum Suizid führen kann. Auf depressive Entwicklungen sollte man wachsam reagieren: Wenn ein Kind oder ein Jugendlicher zum Beispiel immer stiller wird und sich immer mehr zurückzieht, wenn er ausdrucksärmer wird, immer weniger lacht und häufig weint, können das Hinweiszeichen sein.

Wie merkt man denn, ob ein Jugendlicher eine ernsthafte Depression hat oder ob es sich „nur“ um pubertäre Stimmungsschwankungen handelt?
Wie bei körperlichen Erkrankungen gibt es auch für die psychischen Leiden einen genauen Diagnosekatalog. Es müssen ganz bestimmte Kriterien erfüllt sein: eine bestimmte Zeitdauer und Intensität der Beschwerden, Begleiterscheinungen wie Schlaf- oder Appetitstörungen und so weiter. Was wir umgangssprachlich als depressive Verstimmung bezeichnen, entspricht also nicht unbedingt der Depression im klinischen Sinn. Eine vorübergehende traurige Stimmungslage ist noch keine Depression.

Wollen Kinder und Jugendliche, die Suizid begehen oder es versuchen, tatsächlich sterben oder meinen sie, dass sie dasjenige Leben, das für sie lebenswert wäre, nicht erreichen können?
Man darf hier nicht vorschnelle Interpretationen anstellen. Beim Kind ist noch keine Vorstellung vom Todeskonzept vorhanden. Es weiss nicht, dass der Tod wirklich das Ende von allem ist. Der Tod wird eher wie ein tiefer Schlaf empfunden. Ein Jugendlicher hingegen hat aufgrund seiner Reife sehr wohl eine Vorstellung von der Endlichkeit des Lebens und weiss, dass der Tod nicht umkehrbar ist. Einem Jugendlichen darf man also die Absicht, wirklich sterben zu wollen, nicht einfach absprechen. Dass es junge Menschen gibt, bei denen suizidale Handlungen in erster Linie ein Warnsignal oder ein verdeckter Hilfeschrei sind, ist damit nicht bestritten. Doch darf man Jugendliche nicht pauschal dem Verdacht aussetzen, sie würden es nicht ernst meinen.

Für wie gefährlich halten Sie Suizid-Chatrooms oder Suizid-Foren im Internet?
Ich halte das für eine sehr problematische Entwicklung und für sehr gefährlich, weil es völlig unkontrollierbar und anonymisiert ist und sich Jugendliche so gegenseitig in ihrer Ausweglosigkeit bestärken. Ich würde so weit gehen zu sagen, dass man sich auf gesetzgeberischer Ebene damit beschäftigen müsste.

Was müsste Ihrer Meinung nach getan werden, um die Suizidrate bei Kindern und Jugendlichen zu senken?
Wie schon angetönt: Etwas vom Wichtigsten für eine gesunde Entwicklung von Kindern ist, dass sie stabile Lebensbedingungen und Umweltverhältnisse haben. Das heisst, dass die Eltern ihre Elternschaft aktiv und selbstbestimmt gestalten, dass sie Vorstellungen über ihr Erziehungskonzept haben und dem Kind Sicherheit und Geborgenheit sowie Lenkung und Leitung geben können. Das ist der einzige allgemeine Satz, den ich zu dieser Frage formulieren kann. Eine spezifische universale Prävention gegenüber psychischen Leiden gibt es genauso wenig wie gegenüber Suizidversuchen. Die kann es gar nicht geben, weil die Gründe zu vielfältig sind. Wer aber einen Suizidversuch gemacht hat, sollte auf jeden Fall professionelle Hilfsangebote annehmen und von der Möglichkeit Gebrauch machen, das Erlebte aufzuarbeiten und den Ursachen auf den Grund zu gehen. Das zu schnelle Zudecken und Verdrängen birgt eine grosse Gefahr in sich. Denn leider ist es so, dass den vollendeten Selbsttötungen in vielen Fällen Versuche vorangingen.

INTERVIEW: JUDITH HARDEGGER

Hans-Christoph Steinhausen, ist Ärztlicher Direktor des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes des Kantons Zürich Zentrum für Kinder und Jugendpsychiatrie
Neumünsterallee 3
8032 Zürich
Telefon 043 499 26 26
info@kjpdzh.ch
www.kjpd.unizh.ch

Buchtipp
Helga Käsler-Heide: „Bitte hört, was ich nicht sage. Signale von suizidgefährdeten Kindern und Jugendlichen verstehen“. Kösel Verlag 2001. Fr. 29.10. ISBN 3-466-30540-3.

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