SOS Narrenschiff
Ich brauche meine acht Stunden Schlaf. – Jetzt ist es raus. Endlich habe ich mein Outing geschafft. Damit wir uns richtig verstehen: Ich beichte hier nicht meine Wochenration, sondern meinen allnächtlichen Bedarf. Damit bin ich in der Leistungskette der nützlichen Lebewesen in nullkommanichts weit nach hinten gerutscht. Wer der Menschheit zu Diensten sein will, der verplempert seine Zeit nicht mit unproduktiven Schläferstündchen. Sechs Stunden meinetwegen – kommst du unter fünf aus den Federn, wohlauf Kamerad – aber das Ziel muss eine blanke Null sein.
Ich habs nicht geschafft. Und dachte in meiner heiligen Einfalt, bei der Kirche sei gut ruhen, weil ers den Seinen doch im Schlafe gibt. Das mag ja sein, nur glaubt es ihm keiner. Wer vor dem nächsten engagierten Christen etwas gelten will, der lässt seine Agenda überquellen und hält Schlafen für Zeitvergeudung. Wer gilt im Weinberg des Herrn schon gerne als Rumhänger?
Bei mir gings allerdings immer schrecklich daneben, wenn ich mich als Dauerwächter versucht habe. Meine Kopfschmerzen haben mich geplagt und meine Launen die Mitmenschen. Meine Kinder wurden im Ruckzuck erzogen, dass ihnen Lachen und Frohlocken vergingen. Und meine Frau hielt meine neue Aufmerksamkeit hartnäckig für Gereiztheit, meine gesteigerte Vitalität für Aktivismus, meine abgrundtiefe Sensibilität für Wehleidigkeit.
Dabei hatte das Schlaf-Fasten meine Sinne doch ungeheuer geschärft: Für sämtliche Probleme war ich nun so etwas von empfänglich. Mit einem Male konnte ich sie überall wahrnehmen, und immer waren sie gross und drängend. Endlich wurde mir der Ernst der Lage klar, während andere noch fröhlich vor sich hin dösten. Es muss also doch stimmen: Schlaf ist Opium fürs Volk. Nur leider bin ich ein rettungslos Süchtiger – und jetzt gehts auch noch ab in die Ferien.
Eintrag ins Logbuch: Im Schlaf rauschen viele Probleme unbemerkt an uns vorbei und erledigen sich in ihrer Verzweiflung gleich selbst.
THOMAS BINOTTO