Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Sie sind hier: Startseite Archiv 2005 forum Nr. 17, 2005 Liebe Leserin, lieber Leser
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Liebe Leserin, lieber Leser

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Alles muss heute möglichst früh geschehen: Früh-Englisch, Früh-Computer, frühreif – die Karriereplanung beginnt offenbar in der Primarschule. Anstatt auf Grundlagen und Allgemeinwissen zu setzen – wie öde klingen doch Rechtschreibung und Dreisatz –, fördert man möglichst früh spezialisiertes Wissen und applaudiert den pädagogischen Sommer- und Winterkollektionen.
Es verwundert deshalb nicht, dass Bibelunterricht als Schulfach einen schweren Stand hat und vom Aussterben bedroht ist. Man sieht die Kirchen auf dem absteigenden Ast, repetiert gängige Schlagworte wie Kirchenaustritt, Bedeutungsverlust und Wertewandel, bis man vergessen hat, dass die Landeskirchen nach wie vor die grössten, umfassendsten und auch nachhaltigsten gesellschaftlichen Bewegungen in diesem Land sind. Dass wir in einem christlich geprägten Land leben, lässt sich verdrängen, aber nicht wegdiskutieren. Die Bibel und unsere christlich-jüdischen Wurzeln gehören zum Allgemeinwissen; wer sie nicht kennt, wird von unserer Geschichte, von unseren Konflikten und unseren Schätzen nicht viel verstehen und er wird auch die Schrift an der Wand nicht entziffern können, die uns den Weg in die Zukunft weist. Die Bibel ist und bleibt ein Schlüssel zur Menschheitsgeschichte, und wer ihn nicht benutzen lernt, dem bleiben allzu viele Türen verschlossen – und längst nicht nur solche zur Glückseligkeit, sondern auch ganz profane, zum besseren Verständnis der menschlichen Psyche beispielsweise. Es geht also nicht nur um Besitzstandwahrung, wenn die Kirchen sich für den biblischen Unterricht einsetzen, sondern um ein gesamtgesellschaftliches Anliegen. Bei aller Offenheit für eine pluralistische und multikulturelle Gesellschaft dürfen und sollen sie mit einigem Selbstbewusstsein darauf verweisen, dass unsere Kultur und Identität von der Bibel und vom Christentum mindestens so geprägt sind wie vom Rütlischwur. Selbst wer sich davon lösen will, muss zunächst einmal wissen, wovon.

THOMAS BINOTTO

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Thomas Binotto