Liebe Leserin, Lieber Leser
Ein Beitrag in diesem Heft trägt den Titel „Gewissen – was ist das?“. Wüssten Sie auf diese Frage spontan eine Antwort? Uns selbst wurde bewusst, wie schwierig der Begriff „Gewissen“ zu fassen ist, als es darum ging, diesen Artikel zu bebildern. Gewissenhaftigkeit, Gewissensbisse, Gewissenskonflikt: Wie soll man das bildhaft einfangen? Im Wort „Gewissen“ steckt der Begriff „Wissen“. Und das Französische braucht für „Gewissen“ und „Bewusstsein“ denselben Ausdruck, nämlich „conscience“. Das suggeriert, dass ich, wenn ich etwas tue, im Grunde genau weiss, ob es gut oder schlecht ist, dass mir bewusst ist, ob ich richtig oder falsch entscheide. Je nachdem stellt sich dann das behagliche Gefühl eines ruhigen Gewissens ein oder es nagt mein schlechtes Gewissen an mir. Wenn das so einfach wäre, könnte doch jemand ein Computerprogramm erfinden, wo man im Falle eines Gewissenskonflikts die sich widerstreitenden Alternativen eingäbe und am Schluss die „richtige“, die „gute“ Lösung berechnet würde. Und dann wäre man sie glücklich los, die durchwachten Nächte, die Magenbeschwerden, die seltsamen Träume. Nur, mit welchen Berechnungsgrundlagen müsste diese Software arbeiten?
Mit der Bibel? Mit einem interreligiösen Weltethos?
Es hilft doch alles nichts: Das Gewissen lässt sich nicht delegieren. Ausser der „Goldenen Regel“, nach der ich andere nur so behandle, wie ich selber auch behandelt werden möchte, gibt es wohl keine Patentrezepte für menschliches Verhalten. Und selbst wenn es diese gäbe, würden wir mit dem Abschieben der eigenen Entscheidung ein Juwel aus der Hand geben. Nirgendwo sonst sind wir im Grunde so sehr uns selbst wie im Gewissen.
Allen anderen können wir etwas vormachen, dem Gewissen nicht. Im Konzilstext „Gaudium et spes“ heisst es treffend: „Das Gewissen ist der verborgenste Kern und das Heiligtum des Menschen, in dem er allein ist mit Gott, dessen Stimme in seinem Innersten widerhallt.“
JUDITH HARDEGGER