Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Sie sind hier: Startseite Archiv 2005 forum Nr. 16, 2005 Der Prophet Jeremia – Leiden an Gott
Menschen der Bibel: zum Beispiel Jeremia

Der Prophet Jeremia – Leiden an Gott

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Die ersten Propheten der Bibel verkündeten Unheil. Im Namen Gottes mussten sie warnen, drohen, Zorn, Verwerfung und Strafe ankünden. Niemand wollte ihre Botschaften hören. Jeremia war der Letzte von ihnen.
Als junger Mann erlebte er seine Berufung zum Propheten, etwa im Jahr 628 vor Christus. Seine Antwort ist berühmt: „Ach, Herr, ich kann doch nicht reden, ich bin ja noch so jung.“ Aber Gott liess nicht locker; Jeremia musste das Brüchige in seiner Gegenwart sehen und seine Zeitgenossen vor den Folgen ihrer falschen Sicherheit, ihrer Ungerechtigkeit und ihrer mangelnden Treue im Glauben warnen. Besonders die Priesterschaft am Tempel stellte er radikal in Frage mit dem Satz: „Gehorsam will ich, nicht Opfer.“ Er sagte die kommende Zerstörung Jerusalems voraus und begrüsste sie sogar, was seinen Zeitgenossen unerträglich war. Das machte ihn extrem unbeliebt und gefährdete ihn.
Jeremia konnte nicht schreiben, denn er diktierte seinem Jünger Baruch eine Sammlung von Worten Gottes. Nachdem Baruch diese Buchrolle vorgelesen hatte, wurde sie vom König beschlagnahmt und verbrannt. Doch schon diese erste Bücherverbrennung hat ihrem Urheber nichts genützt: Jeremia diktierte den Inhalt noch einmal.
Er vertraute aber nicht dem Wort allein, sondern drückte seine Botschaft auch durch Zeichen aus: Zum Signal, dass die Bestrafung seines Volkes bevorstehe, hat Jeremia nicht geheiratet und keine Familie gegründet. Das Joch, das er sich selber auf den Nacken legte, sollte anzeigen, dass sein Volk nur dann eine Chance habe, wenn es sich der babylonischen Herrschaft unterwerfe.
Enttäuscht über den Misserfolg seiner Verkündigung und die Nachstellungen seiner Verwandten und Landsleute, verzweifelte Jeremia an sich und an Gott. In den „Konfessionen“ klagt er sein Leid. Ergreifende Klagen werden deshalb nach ihm auch „Jeremiaden“ genannt.
„Kamen Worte von dir, so verschlang ich sie; dein Wort war mir Glück und Herzensfreude; denn dein Name ist über mir ausgerufen, Herr, Gott der Heere.
Ich sitze nicht heiter im Kreis der Fröhlichen; von deiner Hand gepackt, sitze ich einsam; denn du hast mich mit Groll angefüllt.
Wie ein versiegender Bach bist du mir geworden, ein unzuverlässiges Wasser.“ (Jeremia 15,16–18)
Diese Sätze bringen mit bestürzender Aktualität das Leiden des Propheten an Gott zum Ausdruck: Die Freude über die erfahrene Nähe Gottes bewirkt, dass er sich mit Haut und Haar Gott verschreibt. Aber plötzlich kommen von Gott her nicht mehr Glück und Herzensfreude, sondern Worte des Grolls, die einsam machen. Gerade bei denen, die ihm besonders nah sind, legt Gott die Latte immer höher – damals wie heute.
Jeremias düstere Prophezeiungen erfüllten sich: Jerusalem wurde erobert und die Elite des Volkes ins babylonische Exil deportiert. Der Prophet selber blieb in Jerusalem; später emigrierte er nach Ägypten, wo sich seine Spuren verlieren. Erst seinen Nachfolgern im Prophetenamt war es vergönnt, Hoffnung auf die Vergebung Gottes und den neuen Bund verkünden.

GISELA TSCHUDIN
GEMEINDELEITERIN ST. MARTIN, ZÜRICH 

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