Wie brillant darf man sein?
Müsste ich jemandem eine biblische Geschichte zum Einstieg ins Buch der Bücher empfehlen, die Erzählung von Joseph, dem elften von den zwölf Söhnen Jakobs, käme bestimmt in die engere Wahl. Spannend und abwechslungsreich wie ein Roman, Charaktere und Ereignisse, die man nachvollziehen kann – nicht umsonst wurde Thomas Mann davon zu seinem vierbändigen Werk „Joseph und seine Brüder“ inspiriert.
Das Klischee verlangt von einem Roman, dass die Hauptfigur eine Identifikationsfigur sei, ein Sympathieträger womöglich. In dieser Hinsicht ist Joseph allerdings kein leichter Zeitgenosse. Er, der Lieblingssohn Jakobs, kennt keine Hemmungen, wenn es um Selbstdarstellung geht. Damit weckt er zwangsläufig den Neid seiner Brüder. Dieser steigert sich schliesslich in Hass, als Joseph treuherzig seine Träume zum Besten gibt: von den Garben der Brüder, die sich vor seiner verneigen – von Sonne, Mond und elf Sternen, die sich vor ihm niederwerfen. Am liebsten hätten sie Joseph für so viel Selbstbewusstsein umgebracht. Schliesslich werfen sie ihn in einen leeren Brunnen, verkaufen ihn an vorbeiziehende Händler und machen Jakob glauben, sein Liebling sei von einem wilden Tier getötet worden.
Mir ist nie ganz klar, ob Joseph tatsächlich arrogant ist oder einfach arglos, ob er anmassend oder naiv handelt. Auf jeden Fall scheint er von der zerstörerischen Macht des Neides wenig Ahnung zu haben und offenbar auch nicht von Kain und Abel.
Deshalb muss Joseph teuer dafür bezahlen, dass er aus der Menge herausragt, dass er ein Auserwählter ist. Er macht zwar als Sklave in Ägypten Karriere, schmort aber nach der Verleumdung durch die Frau seines Herrn zwei Jahre im Gefängnis. Erst als er zum höchsten Beamten unter dem Pharao aufsteigt, scheint sich das Blatt endgültig zu wenden. Selbst die Versöhnung mit seinen Brüdern darf er noch erleben, wobei ausgerechnet dieser Moment wieder jenen seltsamen Nachgeschmack hinterlässt. Wie Joseph seine Brüder auf die Probe stellt, das wirkt auch etwas selbstgerecht, und dass sich dadurch sämtliche Neidgefühle in Luft aufgelöst haben, kann ich deshalb nicht recht glauben.
So ambivalent ich Joseph empfinde, so unmittelbar spricht er mich dennoch an. Eine Identifikationsfigur ist er also doch. Genau wie er möchte ich brillant sein, reich gesegnet an Talenten, geradezu auserwählt für das ganz Besondere und Herausragende. Wie er würde ich am liebsten alle Welt mit meinen Träumen belästigen und all meinen Erfolgserlebnissen. Gleichzeitig fürchte ich, dass ich mich lächerlich und unbeliebt mache, dass der Neid darauf wartet, seine zerstörerische Kraft zu entfalten. Ich möchte herausragen und dennoch keine Angriffsfläche bieten, möchte ein unerschütterliches Selbstbewusstsein ausstrahlen und dennoch ganz bescheiden wirken.
So geht es nicht nur mir: Ein einzigartiges Individuum zu sein, ist ein urmenschliches Bedürfnis. Die Geschichte Josephs ist deshalb eine zentrale Lerngeschichte für uns alle. Sie erzählt beispielhaft von der Gratwanderung zwischen Selbstbewusstsein und Überheblichkeit und davon, dass sich Offenheit immer mit Menschenkenntnis und Klugheit verbinden sollte.
THOMAS BINOTTOÂ