SOS Narrenschiff
Lasst uns nachbeten: „Die Kirche ist leibfeindlich!“ Damit dies mit ehrlicher Inbrunst gelingt, müssen wir uns allerdings schon ein wenig anstrengen. Wir bedecken unsere Augen in jeder barocken Kirche vor der himmlisch ausgemalten Fleischeslust. Wir meiden verruchte Orte wie das Heilig-Geist-Spital in Lübeck, wo Elisabeth von Thüringen seit 1420 ihre Brust entblösst. Wir lesen die Bibel nur noch in der jugendfreien Disney-Fassung. Wir zücken den Nasenklemmer, wenn im Hochamt erotisierende Düfte wallen. Und selbstverständlich kennen wir die Sixtinische Kapelle nur vom Hörensagen.
Wer glauben will, muss leiden. Also machen wir um alle Klöster einen weiten Bogen, diese Brutstätten von Wein und Gesang. Vermaledeit sei jegliches Klosterbräu, Ohren zu vor den verführerischen Gesängen, geschleift die Wellness-Oasen im Klostergarten und ab in den Orkus mit allen Kochbüchern von Josef Imbach.
Zugegeben, für Anhänger des Leibfeindlichkeits- Dogmas gibt es auch Hoffnungsschimmer. Einer davon heisst Daniele da Volterra, auch „Il braghettone“, der Hosenmacher, genannt. Er erhielt 1564 von der Konzilskongregation den Auftrag, alle heiklen, sprich füdliblutten Stellen des Jüngsten Gerichts von Michelangelo zu übermalen. Als 1541 an die vierhundert freizügige Figuren in der Sixtinischen Kapelle enthüllt wurden, war Papst Paul III. – pfui, pfui – ganz begeistert von so viel Dekolleté. Da er aber auch als Teilzeit-Zölibatärer in die Kirchengeschichte einging, wusste er es wohl nicht besser. Durch den Hosenmacher kam dann alles, wie gesagt, glücklich wieder ins Lot.
Bis in jüngster Zeit doch wieder ein herber Rückschlag hingenommen werden musste. Im Zuge der letzten Restaurierung von 1980 bis 1994 rückte man nämlich nicht nur den alten Russspuren zu Leibe. Auch die Hautecouture des Hosenmachers fiel und gab all die unsittlichen Stellen wieder preis, die Michelangelo sich einst ausgedacht hatte. Unter diesem wollüstigen Gewusel, man stelle sich vor, wurde nun sogar ein Papst gewählt.
Eintrag ins Logbuch: Die Sixtinische Kapelle ist auch nicht mehr das, was sie einmal war.
THOMAS BINOTTO