Liebe Leserin, Lieber Leser
Sommerzeit ist Ferienzeit. Auch für mich. Eigentlich hätte ich es wissen können. Aus Erfahrung. Ich hatte zu viel mitgenommen. Den Koffer gepackt, bis er sich nur noch gegen Widerstand schliessen liess. Um für alle Eventualitäten, wenn nicht des Lebens, so doch einer Reise gerüstet zu sein. Shorts und Badeanzug im Falle hochsommerlicher Temperaturen, den dicken Wollpullover als Schutz vor unerwarteten Wintereinbrüchen, drei Bücher für Mussestunden.
Natürlich hatte ich in weiser Vorahnung auch diesmal kurz vor der Abreise das vierte Jeanspaar schweren Herzens aus dem Koffer genommen. Die Joggingschuhe noch ins Handgepäck zu stecken, konnte ich dann aber doch nicht lassen. Dann setzte die näher rückende Abfahrtszeit der S-Bahn der Packerei ein Ende.
Auch alles Weitere hätte ich wissen sollen: Dass sich mit einem leichten Koffer problemloser Treppen steigen und bei weniger Inhalt einfacher Ordnung halten liesse; und dass ich nach der Heimkehr vieles wieder unbenutzt auspacken würde.
„Besser zu viel als zu wenig“, sagte meine Freundin schulterzuckend. Da erinnerte ich mich an eine Geschichte, die ich kurz zuvor gelesen hatte: Vor zweihundert Jahren besuchte ein Reisender den berühmten polnischen Rabbi Hofetz Chaim. Erstaunt sah er, dass der Rabbi nur in einem einfachen Zimmer wohnte: ein Tisch, eine Bank und ein paar Bücher. „Rabbi, wo sind denn Ihre Möbel?“, fragte er. „Wo sind die Ihren?“, gab der Rabbi zurück. „Meine? Ich bin doch nur auf Besuch hier, ich bin auf der Durchreise.“ – „Genau wie ich“, sagte der Rabbi.
 Ich werde mich bemühen, in Zukunft mein Gepäck umsichtiger zusammenzustellen. Überflüssiges wegzulassen. Es reist sich wohl wirklich unbeschwerter mit leichtem Gepäck. In den Ferien – wie im Alltag.
PIA STADLER