Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Sie sind hier: Startseite Archiv 2005 forum Nr. 15, 2005 „Glück gib uns, Sara, und Gesundheit“
Wallfahrt der Fahrenden in Les-Saintes-Maries-de-la-Mer

„Glück gib uns, Sara, und Gesundheit“

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Fünfzehntausend Fahrende und ebenso viele Touristen machen sich jeweils im Frühling auf den Weg in die Camargue, wo in Les-Saintes-Maries-de-la-Mer am 24. und 25. Mai Prozessionen zu Ehren der heiligen Sara und der beiden Marien Salomé und Jacobé stattfinden. Ein Augenschein vor Ort.

Auf dem Bild das dunkle Gesicht einer Statue, darunter die Inschrift: „Sara, wache über all deine Zigeuner!“ Fragil steht die Schutzpatronin der Fahrenden zuhinterst in der Krypta der romanischen Wehrkirche mitten im malerischen Städtchen Les-Saintes- Maries-de-la-Mer. In mehrere Dutzend Mäntel gehüllt und mit Schmuck behangen, ist ihr kleiner Kopf kaum noch sichtbar. Das fein ziselierte Diadem funkelt im Licht der Kerzen und Blitzgeräte. Es ist stickig im engen Raum. Wie Schlangen winden sich die Stabkerzen in ihrer eigenen Hitze.
Ehrfürchtig berührt eine Roma-Frau im traditionellen rot-schwarzen Kleid den weissen Umhang der heiligen Sara, küsst das schwarze Holz ihrer Wange. „Sara, Sara, Heilige und Freundin, höre meine Stimme, meine Stimme, die betet“, flüstert sie mit rauer Stimme und zeichnet sich und dem Knaben an ihrer Seite ein Kreuz auf die Stirne. Zwei Männer spielen Gitarre, einige Frauen singen.
Wenige Treppenstufen erhöht liegt das Kirchenschiff im Halbdunkel. Vereinzelt sind Gläubige ins Gebet vertieft. Beinahe unbeachtet stehen die Statuen von Marie-Jacobé und Marie-Salomé auf ihrer Barke in einer Nische der Seitenwand. Noch ist es ruhig. Bald aber werden sich Hunderte von Fahrenden ins schlichte Gotteshaus drängen, um an der Abendandacht vor den grossen Wallfahrtsprozessionen nochmals mit Inbrunst zusammen mit der Familie, ihren „Rachais“ (Priestern) und Freunden zu beten, leise, lautstark, begleitet von Gitarren- und Violinenklängen, zahlreiche Kerzen dem Chor entgegenstreckend, die Kinder an der Hand haltend oder auf den Schultern tragend. „Vive la Sainte Sara. Vivent les Saintes Maries. Vive Christ Ressuscité!“, rufen sie.

TRADITION UNTER SCHWEIZER FAMILIEN
Traditionsgemäss haben sich auch dieses Jahr Tausende von Fahrenden unterschiedlicher Ethnien – Roma und Sinti, Manouche und Gitans, Jenische – zu „ihrer“ Wallfahrt zu Ehren der heiligen Sara in Südfrankreich eingefunden. Bereits zehn Tage vor der am 24. Mai stattfindenden Prozession sind sie angekommen, aus Frankreich und Spanien die meisten, aber auch aus Deutschland, Belgien, der Slowakei, aus Ungarn, Rumänien und zirka zehn Familien aus der Schweiz. Seit 1952 mit dabei ist Fritz Gerzner. „Ich bin wohl einer der ältesten ‚Pélérin‘ (Pilger) aus der Schweiz hier in Südfrankreich“, sagt er schmunzelnd. Den Wohnwagen wie immer zusammen mit seiner Frau und Verwandten direkt an der Meerespromenade aufgestellt, möchte er die Wallfahrt um nichts in der Welt missen.
Die Tage vor der Prozession sind kaum weniger wichtig als die Wallfahrt selbst und dienen der Vertiefung und Erweiterung des Glaubens. Rund 120 Seelsorger, unter ihnen auch der Dominikanerpater Jean-Bernard Dousse, Verantwortlicher der Fahrendenseelsorge in der Schweiz, sowie Aude Morisod und Daniel Gerzner vom Schweizer Seelsorgeteam, kümmern sich an verschiedenen Seelsorgestellen auf den Standplätzen um das „fahrende Volk“. Jeden Morgen finden Jugend- und Erwachsenenkatechesen statt, nachmittags werden Gottesdienste gefeiert, zahlreiche Pilger nützen die Gelegenheit zu Taufen, Erstkommunion und Eheversprechen im Familienkreis.
Mindestens vier Mal nehme er jeden Tag an einer Messe teil oder besuche die heilige Sara in der Krypta, erklärt Fritz Gerzner. Meist sei er mehr in der Kirche als im Wohnwagen anzutreffen, bestätigt seine Frau Louise.

PROZESSION ZUM MEER
Hell leuchten am nächsten Morgen Wohnwagen und Wohnmobile in der Morgensonne: emsiges Treiben vor dem Höhepunkt der Reise, der Prozession der heiligen Sara zum Meer. Nach der Eröffnungsmesse bleibt kaum Zeit fürs Mittagessen. Wer in der Kirche Platz finden möchte, wenn um halb vier Uhr zum Auftakt der zweitägigen Wallfahrt die Reliquien der beiden heiligen Marien in ihrem Schrein von der Turmkapelle auf den Choraltar heruntergelassen werden, trifft sicherheitshalber bereits zwei Stunden zuvor ein. „Was uns hier versammelt, ist der Glaube und der Wunsch, ihn mit dem Nächsten zu teilen“, ruft der Priester mit voller Stimme von der Kanzel. Gesang, Klatschen und himmelwärts gewandte Hände begleiten die Gebete. Geschmückt mit über 60 Blumensträussen schweben die Reliquienschreine hinunter ins Kirchenschiff. Die heilige Sara steht vor dem Chor und lächelt geheimnisvoll. Niemand weiss genau, wer sie ist, noch wie sich ihr Kult in Les-Saintes-Maries etablieren konnte. Als ihre Schutzpatronin „adoptiert“, ist sie für die Fahrenden „Sara-la-Kâli“, was in ihrer Sprache „Zigeunerin“ und „Schwarze“ heisst.
Die Fahrenden selbst kümmert die Legende wenig. Wichtiger ist für sie, ihrer Heiligen gesegnete Mäntel, in deren Saum Bitten und Danksagungen eingenäht sind, umzuhängen und sie jetzt am frühen Nachmittag in einem traditionellen Zug durch die engen Gassen ins Meer zu führen. Rund um den Kirchplatz liegt der Geruch von Pferdeäpfeln in der Luft. Die Gardiens, die Stierhüter der Camargue, stehen hoch zu Ross Spalier, umringt von den sich aus der Kirche drängenden Pilgern und Schaulustigen. Mit ihren Cowboyhüten und den bunt gemusterten Hemden bilden sie einen Kontrast zu den Frauen von Arles in ihren eleganten schwarzen Samtkleidern und mit den Sonnenschirmchen im Stil des 19. Jahrhunderts.
„Vive Sainte Sara. Vivent les Saintes Maries“, schallt es immer wieder aus der bunten Fahnenprozession, die sich – Bischöfe, Priester und Sara umringend – dem Meer entgegenwälzt. Unten an Strand gerät der Zug kurz ins Stocken, Dann, unter heftigem Murmeln und Singen, geht es in die Fluten. Das mitgeführte Kreuz ist längst nicht mehr zu sehen. Jubelnde Gardiens bahnen Sara auf ihren Pferden den Weg. Erst als den Tieren das Wasser bis zum Bauch kommt, halten sie an. Nun steht sie wieder wie einst im Meer, die schwarze Sara, um die gestrandeten Christen willkommen zu heissen. Damit endet die Zeremonie. Für heute.

DIE HEILIGEN MARIEN
Morgen werden die Rollen getauscht. Dann werden in einem ähnlichen Umzug die Marienstatuen auf ihrer Barke ins Meer getragen, Symbol der Ankunft der heiligen Marien Salomé und Jacobé und mit ihnen des Glaubens aus dem Meer. Der Bischof von Arles wird das Meer, das Land, die Pilger und die  Fahrenden segnen und anschliessend, gegleitet von Freudenrufen, Musik und Glockengeläute, zur Kirche zurückkehren. Dort wird zum Abschluss der Prozession der Reliquienschrein wieder in die Turmkapelle hochgezogen. Die Statuen von Marie-Jacobé und Marie-Salomé werden in ihre Nische zurückgestellt werden, während Sara den Weg hinunter in die Krypta findet.
Noch aber ist es nicht so weit. Noch ist das Fest in vollem Gang. Nach der spirituellen folgt die leibliche Nahrung. Vor den Wohnwagen wird gekocht, gelacht, gespielt. Fritz Gerzner ist zufrieden: Ein unvergessliches Erlebnis sei es einmal mehr gewesen, die Prozession der Sara ans Meer. Doch, natürlich seien ihm auch die beiden Marien wichtig. An der Hierarchie jedoch besteht kein Zweifel: „Zuerst Maria, die Mutter Gottes. Und dann Sara. Unsere Sara.“ André und Maila Steinmann, Verwandte Gerzners, haben mit ihren vier Kindern den Umzug vom Strand aus verfolgt. Das Gedränge sei zu gross für die Kleinen, erklärt André Steinmann. Zu gross auch die Gefahr, dem Sog der Menge nicht gewachsen zu sein. Eindrücklich war es trotzdem, auch wenn sich eine Prozession intensiver von innen als von aussen erfahren lässt.
So zentral Gott und Glaube an der Wallfahrt sind, so wichtig sind auch Begegnungen und Freundschaften mit anderen Fahrenden. Die Familie, die Gemeinschaft hat Vorrang vor dem Einzelnen. Zwischen den Wohnwagen werden bei Steinmanns und Gerzners Tische zusammengerückt und Stühle aufgestellt. Gefeiert wird wie immer zusammen, eingeladen sind auch die Nachbarn der umliegenden Wohnwagen.

„LIU SANTO“
„Liu Santo“, heiliger Ort, wird Les-Saintes- Maries-de-la-Mer von den Provenzalen genannt. Während der „Pélérinage“ (Wallfahrt) quillen die engen Gassen über von Fahrenden und Touristen. In den Strassencafés ist kaum ein freier Platz zu finden, überall ertönt Musik unterschiedlichster Stilrichtung. Als Nomaden liegt den Fahrenden die Wallfahrt im Blut. Sie ist ihr Glaubensausdruck schlechthin. Wo sich Frömmigkeit und Folklore treffen, ist für einen „Gadjé“ (Sesshaften) nicht zu beurteilen. Intensiver und direkter als bei den Sesshaften sei bei den Fahrenden der Kontakt zu Gott, ist Aude Morisod vom Schweizer Seelsorgeteam überzeugt. „Gott“, sagt ein junger Jenischer, „ist für uns nicht ein Wort oder ein Bild. Gott, das ist unser Vater.“
Im Gegensatz zu vielen sesshaften Gesellschaften, die zunehmend säkularisiert würden, sei die Religion bei den Fahrenden noch fest verankert, erklärt Claude Dumas, französischer Nationalseelsorger und selbst ein Manouche. Ihr Glaube sei volksnah. „Es ist eine spontane Religion, eine Religion der Emotionen und Gefühle.“
Pilgern, sagt man, sei Beten mit den Füssen. Die Menschen, die auch dieses Jahr wieder hinter Sara dem Meer entgegengelaufen sind, liefen Gott entgegen.

PIA STADLER

Informationen zu den Wallfahrten in Les-Saintes-Maries-de la Mer
unter www.saintesmaries.com

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FOTO: CHRISTOPH WIDER