Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Sie sind hier: Startseite Archiv 2005 forum Nr. 14, 2005 List und Wagnis einer Frau
Menschen der Bibel: zum Beispiel Tamar

List und Wagnis einer Frau

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Der Stammvater Juda, einer der zwölf Söhne Jakobs, verlässt seine Brüder und zieht zu den Kanaanäern. Er nimmt sich eine Kanaanäerin zur Frau und zeugt mit ihr drei Söhne: den Erstgeborenen Er, Onan und Schela. Für den ältesten wählt er Tamar zur Frau, ein Recht, das ihm als Familienoberhaupt zusteht. Bis zu diesem Punkt läuft alles nach Judas Plänen, und er scheint alles im Griff und unter Kontrolle zu haben. Mit der Erziehung seiner Söhne hat er sich aber offenbar ziemlich vertan. Jedenfalls lässt Jahwe den Erstgeborenen sterben, weil dieser Böses tat. Da dies geschieht, noch bevor der in Ungnade Gefallene selbst einen Sohn gezeugt hat, obliegt nun Judas zweitem Sohn die Pflicht, seiner Schwägerin Tamar zu Nachwuchs zu verhelfen, denn im Alten Israel hat ein Mann ein Recht auf Nachkommen selbst dann, wenn er schon tot ist. Doch es geht nicht lange, da stirbt auch Onan. Weil Juda nicht weiss warum, beginnt er sich vor Tamar, die scheinbar Männer zu Tode verschlingt, zu fürchten. Dabei war laut biblischem Text auch Onans Tod nur eine gerechte Strafe, dachte der doch nicht im Traum daran, Kinder zu zeugen, die nicht ihm, sondern seinem verstorbenen Bruder gehören würden. Die Leidtragende ist Tamar.
Von Rechts wegen würde ihr nun Judas dritter Sohn zustehen. Weil Juda aber nicht riskieren will, dass auch noch sein Jüngster in Tamars Armen stirbt und sein Geschlecht damit aussterben würde, gibt er sie an den ursprünglichen Besitzer zurück. Sie solle ins Haus ihres Vaters zurückkehren, bis Schela alt genug für die Schwagerehe mit Tamar sei. Als dieser jedoch alt genug ist, will Juda von seinem Versprechen nichts mehr wissen. Wieder glaubt er, alles bestens gemanagt zu haben. Doch er hat seine Schwiegertochter gewaltig unterschätzt.
Tamar hat zwei Möglichkeiten: Entweder sie schickt sich in ihr Los und fristet ein trostloses Witwendasein im Haus ihres Vaters oder sie wehrt sich für ihr Recht. Tamar entscheidet sich für Letzteres und setzt dabei alles auf eine Karte. Sie verkleidet sich als Prostituierte und setzt sich an den Ort, von dem sie weiss, dass Juda zur Zeit der Schafsschur vorbeikommen würde. Juda ist tatsächlich von der verschleierten Dirne am Wegesrand sehr angetan, bietet ihr für ihre Liebesdienste ein Ziegenböcklein und überlässt ihr seinen Siegelring als Pfand. Wie er am nächsten Tag das Böcklein überreichen lassen will, ist aber die Frau nicht mehr auffindbar. Juda beschliesst, die Sache so schnell wie möglich zu vergessen. Nach drei Monaten wird er allerdings jäh wieder daran erinnert. Als er hört, dass seine Schwiegertochter schwanger ist, verurteilt er sie zum Tode, weil er meint, sie habe mit einem Fremden Unzucht getrieben. Da zeigt ihm Tamar seinen Siegelring und beweist ihm damit, dass sie von ihm ein Kind erwartet. Und nun? Wer wird jetzt wofür bestraft?
Genau das liebe ich an biblischen Geschichten so: dass sie oftmals ganz anders ausgehen, als man es erwarten würde. Hier wird niemand bestraft, ja nicht einmal moralisch verurteilt. Der biblische Erzähler stellt am Ende lapidar fest, dass Tamar Juda gegenüber im Recht war und dass sie Zwillingssöhne gebar.
Die Brisanz dieser Geschichte versteht man wohl erst, wenn man sich vor Augen hält, dass der Verkehr von Schwiegervater und Schwiegertochter nach israelitischem Recht ein Verbrechen war, auf dem die Todesstrafe stand. Mutige Tamar! Sie riskiert lieber den Tod, als dass sie ein Leben lebt, das sie in die gesellschaftliche Isolation drängt und sie jeglicher Entfaltungsmöglichkeiten beraubt. Dass Gott auch auf krummen Zeilen gerade schreibt, zeigt diese Geschichte ganz deutlich, wird doch Tamar zu einer der Stammmütter Jesu.

JUDITH HARDEGGER 

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