Liebe Leserin, Lieber Leser
Wenn einer meiner Söhne sagen würde „Ich will Priester werden“, ich würde kaum in Jubel ausbrechen. Und das von bei einem kirchlichen Mitarbeiter!
Dahinter steckt zunächst eine grundsätzliche Überzeugung: Berufungen müssen geprüft werden. „Wenn einer ankommt, um ein klösterliches Leben zu beginnen, werde ihm der Eintritt nicht leicht gewährt.“ So steht es in der Benediktsregel. Das gilt auch für angehende Priester. „Man sage ihm alles Harte und Mühsame auf dem Weg voraus.“
Ich muss allerdings gestehen, dass noch andere Fragen aufkämen. Als Laie tue ich mich beispielsweise schwer, wenn die Zahl von Priesterberufungen zum Massstab für eine lebendige Kirche genommen wird. Mir scheint damit ein übersteigertes Priesterbild verknüpft. Ein Klerikalismus auch, der Priester wieder aus dem gemeinen Volk herauslösen und zur Elite machen will. Wo man mehr auf demonstrative Zeichen vertraut als auf selbstverständliche Ausstrahlung. Übersteigert ist oft auch die Arbeitsleistung, die von Priestern erwartet wird. Überquellende Agenden, immer im Dienst, keine Ferien, auf sich allein gestellt und als Folge davon Vereinsamung, Sinnkrisen und Krankheit – darf man Gottes Gnade derart herausfordern?
Ich bin deshalb allen Priestern dankbar, die ihre Kräfte nicht überschätzen, die sich auch um ihr eigenes Wohlergehen kümmern, die verantwortliche Beziehungen pflegen, die Selbstverständlichkeit und Gelöstheit ausstrahlen. Sie machen – meist ganz unauffällig und ohne Tamtam – jene Werbung, die mich wirklich überzeugt, weil sie mir die Hoffnung gibt, dass man auch diese Berufung heil „überstehen“ kann. Superlative dagegen stimmen mich nicht nur bei Waschmittelwerbung skeptisch. Viel vertrauensvoller wirkt auf mich das bescheiden Durchschnittliche: „Priester“ – eine normale Berufung für normale Menschen.Â
THOMAS BINOTTO