Die Kunst, klein zu werden
âUnter allen Menschen gibt es keinen grösseren als Johannes; doch der Kleinste im Reich Gottes ist grösser als er.â Was soll dieser geheimnisvolle Satz bedeuten, den Jesus der fragenden Menge vorlegte? Gross sein unter den Menschen, das können wir uns vorstellen. Aber gleichzeitig der Kleinste sein im Himmelreich, wie soll das aussehen? Johannes der TĂ€ufer war damals in der Tat eine Grösse im Land. Der Mann, der nur ein Gewand aus Kamelhaaren und einen ledernen GĂŒrtel um seine HĂŒften trug, wurde zum Anziehungspunkt fĂŒr Scharen von Menschen aus ganz JudĂ€a und der ganzen Jordanebene. Einfache Leute, Zöllner, Soldaten bis hin zu PharisĂ€ern und SadduzĂ€ern zogen in die WĂŒste zu diesem charismatischen Prediger, der von Luxus nichts wissen wollte und sich nur von Heuschrecken und wildem Honig ernĂ€hrte. Seine Botschaft war einfach und klar: âKehrt um, denn das Himmelreich ist nahe.â Er sah es als seine Aufgabe an, den Messias anzukĂŒndigen, âdem Herrn den Weg zu bereiten und ihm die Strassen zu ebnenâ. Zum Zeichen der Umkehr taufte er die Menschen mit Wasser, aber nicht, ohne mit ihnen Klartext gesprochen zu haben: Weder die Abstammung von Abraham noch die Taufe selber reichen aus zum GlĂŒck, solange sie keine konkreten FrĂŒchte im Alltag hervorbringen. Als âSchlangenbrutâ bezeichnete er ungeschminkt diejenigen, welche glaubten, sich auf einfache Weise bei ihm ihr Heil erkaufen zu können. Selbst vor den AutoritĂ€ten des Landes wie dem Tetrarchen Herodes machte seine Kritik nicht Halt, was ihn schliesslich auch das Leben kosten sollte.
Was macht diesen Grossen seiner Zeit aber nun zum Kleinsten im Reich Gottes? Den Ansatz zu einer Antwort finden wir in seinen eigenen Worten ĂŒber Jesus: âEr muss wachsen, ich aber muss kleiner werden.â Johannes versteht sein Leben radikal als ein Dasein fĂŒr einen anderen. Nicht seine eigene Grösse ist das Ziel seines Wirkens, sondern die Grösse seines Herrn Jesus Christus. Alles, was er dazu braucht, was seine eigene Grösse ausmacht, hat er nicht aus sich selber heraus. Denn âkein Mensch kann sich etwas nehmen, wenn es ihm nicht vom Himmel gegeben wirdâ. Johannes weiss sich fundamental von Gott gewollt und fĂŒr Jesus gesandt. Das begann mit seiner Geburt als Kind des alten Zacharias und der unfruchtbaren Elisabet, gefolgt von der ersten Begegnung mit Jesus, der Johannes im Leib seiner Mutter vor Freude hĂŒpfen liess. Die BestĂ€tigung folgte spĂ€ter beim Taufen am Jordan, wo er Zeuge wurde, wie der Geist Gottes auf Jesus herabkam.
Ignatius von Loyola betet am Schluss seiner Exerzitien: âWas immer ich habe und besitze, Du hast es mir gegeben; Dir gebe ich es zurĂŒck. Alles ist Dein, verfĂŒge ganz nach Deinem Willen. Gib mir nur Deine Liebe und Deine Gnade und ich bin reich genug.â Johannes der TĂ€ufer hat dieses Gebet gelebt. Sein ganzen Leben bestand darin, Menschen zu einem anderen zu fĂŒhren: âSeht das Lamm Gottes!â Darin lag seine Bestimmung und sein GlĂŒck. Darin liegt seine wahre Grösse, die ihn im Himmelreich zum Kleinsten macht.
BEAT ALTENBACH SJ
HOCHSCHULSEELSORGER, AKIÂ