Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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SOS Narrenschiff

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Offene Briefe sind gerade im Kirchentrend, aber das Lexikon „Wikipedia“ hinkt diesem gewaltig hinterher, wenn es glaubt, die Absicht eines offenen Briefes bestehe nach wie vor darin, „Personen des öffentlichen Interesses oder Unternehmen mit kontroversen Aussagen, gebrochenen Versprechen oder Unwahrheiten zu konfrontieren oder ein aus Sicht des Verfassers des Briefes notwendiges Handeln des Adressaten zu provozieren“ – über Zolas „J’accuse!“ sind wir längst hinweg.
Heute wird an einen gerade verstorbenen Papst ein offener Dankesbrief gerichtet. Oder man lässt dem neu gewählten ein ebenso offenes Einführungsschreiben zukommen, in welchem man dem Anfänger in Leitungsfragen – ganz verstört aus seiner geschützten Werkstatt entlassen – einige wertvolle Tipps und Lebensweisheiten mit auf den Lebensabend gibt.
Oder man schreibt einen offenen Brief an einen Bischof, um ihm zu versichern, dass er schon recht sei. Insbesondere diese Variante demonstriert die unschätzbaren Vorteile des offenen Briefwechsels: Wenn sich 66 Seelsorger des Bistums Basel dergestalt an ihren Bischof wenden, dann zeugt das von weiser Zurückhaltung. Sich selbst ersparen sie kostbare Denk- und Zuwendungszeit und dem Bischof das mühselige Öffnen und Beantworten von 66 einzeln adressierten Briefen. Man stelle sich vor: Der arme Bischof bricht unter der Last seiner Fanpost zusammen. Und dann noch dies: Das Ordinariat kann sich sogar das mühsame Erstellen einer Liste sparen – auf einfachste Weise werden die schafigen Getreuen von den bockigen Nichtunterzeichnern getrennt, womit für künftige Ernennungen wertvolle Vorarbeit geleistet ist.
Solche Effizienz könnte auch im Heimseelsorgebereich Schule machen: Ich schreibe an meine Frau nur noch offene Liebesbriefe und bewege unsere Kinder zur Mitunterzeichnung. Ökologisch sinnvoll, nicht penetrant persönlich und doch um ein Vielfaches eindrücklicher als die ungelenke Schrift unserer Jüngsten.
Eintrag ins Logbuch: Offener Brief? Was ist das? – Zeitgemässe Antwort: Ein offener Brief ist ein Schreiben, das an alle Welt gerichtet ist, nur nicht an seinen Adressaten, und das niemanden so sehr interessiert, wie seinen Absender.

THOMAS BINOTTO

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Das „Narrenschiff“, 1494 von Sebastian Brant verfasst, ist eine spätmittelalterliche Satire, in der durch bewusste Übertreibung der Zeitgeist karikiert wird.