Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

Vergangene Ausgabe
Leserbrief Service Archiv Impressum Kontakt
Sie sind hier: Startseite Archiv 2005 forum Nr. 11, 2005 Zum Glück mehr Fragen
II. Vatikanisches Konzil

Zum Glück mehr Fragen

Artikelaktionen
Bald ist es vierzig Jahre her, seitdem das II. Vatikanische Konzil abgeschlossen wurde. Was könnte für die Nachgeborenen zum „Geist des Konzils“ werden?

Dem II. Vatikanischen Konzil droht die Nostalgiefalle – und zwar gleich in zweifacher Hinsicht. Da wird einerseits der „alten“ Kirche nachgetrauert, die vom Konzil leider nur unzulänglich bewahrt worden sei. Für diese Nostalgiker markiert das Konzil einen Sündenfall in der Kirchengeschichte, den sie je länger je weniger ertragen. Die Konzilstexte behandeln sie als Wühlkiste, aus der sie lediglich herausfischen, was ihnen ins vorkonziliäre Konzept passt.
Von anderer Seite wird das Konzil verklärt: Alles, was die Kirche lebendig, zeitgemäss und liebenswert macht, wird dem „Geist des Konzils“ zugesprochen. Die Aufbruchstimmung, die damals bewegt hat, wird als schier unwiederbringlich glorifiziert. Eingerahmt vom II. Vatikanischen Konzil und der Synode 72 wird so das goldene Zeitalter einer lebendigen Kirche gezeichnet, zu der es nun in Zeiten der Erstarrung und des Reformstaus zurückzukehren gelte.
Beide Haltungen strahlen etwas Rückwärtsgewandtes aus und manchmal selbst im vermeintlich fortschrittlichen Gewand etwas Restauratives, dem man als nachgeborene Generation zunächst einigermassen verständnislos gegenübersteht. Selbst wenn wir uns heute per Zeitreise in die 60er Jahre zurückversetzen könnten, würde uns das aufbrechende Kirchenmilieu ziemlich antiquiert vorkommen.

KIRCHE DES DIALOGS
2005 ist nicht 1965: Für immer mehr Katholikinnen und Katholiken ist das Konzil zwangsläufig Geschichte geworden – nicht mehr selbst erlebte, sondern überlieferte. Sie können (und sollten) zwar nachlesen und nachvollziehen, woraus das II. Vatikanische Konzil aufgebrochen ist und welche Reformen dadurch möglich wurden. Aber als Nachgeborene haben sie diese Entwicklung nicht am eigenen Leib erfahren – die persönliche Geschichte und die Konzilsgeschichte verschränken sich nicht zu einer Einheit. Wird damit das II. Vatikanische Konzil zu den Akten gelegt? Ist der frische Wind schon wieder verbrauchter Abluft gewichen?
Sicher ist, dass die Interpretation des Konzils zwangsläufig in eine neue Phase tritt. Benedikt XVI. wird mit grösster Wahrscheinlichkeit der letzte Papst sein, der das Konzil noch selbst mitgeprägt hat. Auch die kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die in diesen Aufbruchsjahren ihre Berufung gefunden haben, werden immer weniger. Die Konzilsgeneration wird in den nächsten Jahren gewollt oder ungewollt in den Hintergrund treten. Die Nachgeborenen können nicht länger als Interpreten zweiter Klasse abgetan werden.
Ausgerechnet deren Blick aus zeitlicher Distanz könnte nun aber zur Chance für das Konzil und seine Wirkung werden. Beispielsweise dann, wenn sie die Konzilsgeschichte studieren und sich zu fragen beginnen, was denn eigentlich der geheimnisvolle „Geist des Konzils“ sein könnte. Die aktuelle Konzilsdebatte gibt darauf nur selten eine befriedigende Antwort, weil oft der Eindruck bleibt, hier würde nach persönlichem Gutdünken allen Forderungen das unfehlbare Etikett „Geist des Konzils“ umgehängt.
Selbst die Konzilstexte werden höchst widersprüchlich verwendet, indem selektiv das herausgelöst wird, was eine missliebige Position – sei sie nun „konservativ“ oder „progressiv“ – unhaltbar erscheinen lässt. Das Konzil wird zur vorgeschobenen Autorität von oben herab. Ausgerechnet das entspricht aber nicht den Absichten von Johannes XXIII.: Er wollte ein Konzil, das sich von früheren Konzilien dadurch abhob, dass es weder mit Verurteilungen noch mit Disziplinierungsmassnahmen drohte.
Als er einmal ein vorbereitendes Dokument mit einem Lineal in der Hand durchsah, bemerkte er trocken: „Sehen Sie nur – in diesem Entwurf gibt es dreissig Zentimeter Verurteilungen.“ Genau dieser Geist war Johannes XXIII. zuwider. Das II. Vatikanische Konzil sollte den offenen Dialogs pflegen. Wie sehr dieser Wunsch allem Widerstand und allen Konzilskrisen zum Trotz erfüllt wurde, lassen sogar die Konzilsdokumente erkennen. In mancher Hinsicht wünschte man sich diese eindeutiger, aber gerade im Geist des Dialogs blieb wohl manches selbst hier offen, konnte sogar Widersprüchliches oder noch nicht zu Ende Diskutiertes stehen bleiben. Es ist, als ob uns diese Dokumente gerade in ihrer Unvollendung an das Vermächtnis des Konzils erinnern möchten: Die Kirche des II. Vatikanischen Konzils ist eine Kirche im ständigen Dialog.

IN DER GEGENWART ANKOMMEN
Wer sich diesem Dialog in ehrlicher Absicht stellt, gibt damit gleichzeitig zu erkennen, dass er ein Suchender ist, selbst wenn das oft unausgesprochen bleibt. Die Kirche des II. Vatikanischen Konzils gesteht sich und der Welt ein, dass sie keine vollkommene Heilsanstalt ist, die es nur noch zu bewahren und zu verteidigen gilt. Sie führt den Dialog nicht nur, um andere zu überzeugen, sondern auch, um selbst überzeugender zu werden. In diese Richtung darf man auch interpretieren, was Johannes XXIII. mit „Aggiornamento“ gemeint hat.
Ihm hat keineswegs eine modische Kirche vorgeschwebt, die sich windig-wendig dem Zeitgeist unterwirft, sondern eine Kirche, die sich – bei aller Standfestigkeit in den Evangelien und der Tradition – stets den Herausforderungen der Gegenwart stellt und Antworten sucht, die gegenwärtigen Menschen verständlich und angemessen sind.
Sie will das allerdings nicht mehr als mächtige oder gar drohende Wahrheitsanstalt tun, sondern als glaubwürdiger, sensibler Gesprächspartner, der nicht diktiert, sondern überzeugt. Dieser Selbstanspruch geht weit über blosses Diskutieren hinaus. Die Kirche des Konzils will eine diakonische, eine sich um die Menschen und für die Menschen sorgende Kirche sein. Hier und nicht in der Ämterfrage und auch nicht in der Liturgie entscheidet sich letztlich die Zukunft der Kirche, ja des gesamten Christentums. Dieses existiert nur dort, wo es solidarisch, hilfsbereit, verständnisvoll und menschenfreundlich ist – die Option für alle Armen, Schwachen und Ausgestossenen ist im „Aggiornamento“ bereits mitgedacht.
In der Gegenwart ankommen bedeutet zudem, das Gespräch nicht nur innerhalb der selbst gezogenen Grenzen zu führen. Das Konzil anerkennt deshalb den Dialog auch als das wichtigste Instrument im Umgang mit anderen Kulturen, Religionen und Weltanschauungen. Dazu gehört nicht zuletzt, dass die katholische Kirche seit dem Konzil Religionsfreiheit unterstützen und andere Religionsgemeinschaften schätzen kann.
Erst heute wird so richtig deutlich, wie früh die Kirche mit dieser sich selbst auferlegten Demut einen entscheidenden Schritt in die pluralistische Gesellschaft hinein getan hat. Vor vierzig Jahren wurde die Vision einer Kirche skizziert, die nicht mehr die Mehrheit, den Triumph und die Allmacht sucht, sondern sich trotz klaren Selbstbewusstseins im Nebeneinander und Miteinander entfaltet.
Im Aufgeben katholischer Selbstgenügsamkeit fehlt uns allerdings bis heute die Übung. Nach wie vor ist die Trauer über das Verschwinden des katholischen Milieus spürbar. Selbst fortschrittlich gesinnte Gläubige scheinen nachhaltig erschüttert und regelrecht erschrocken über die Folgen jener Entwicklung, die sie einst selbst mit Schwung angestossen haben. Hüben wie drüben beklagt man den fehlenden Vereins- und Verbandsnachwuchs, möchte wieder Jugend und Familien en masse in den Gottesdiensten sehen, und der Wunsch nach flächendeckend vollbesetzten Pfarrhäusern scheint allgegenwärtig, ob nun mit oder ohne verheiratete Priester und Priesterinnen. Nicht ganz zufällig wird der Priestermangel als Standardargument für die Änderung der Zulassungsbedingungen zum Priesteramt ins Feld geführt, also mehr ein organisatorisches als ein theologisches Argument.
Damit kommt überraschend und unerwartet zum Ausdruck, dass man sich von der althergebrachten Struktur immer noch nicht vollständig gelöst hat. Ganz im Geheimen träumen noch viele von der Wiederauferstehung des katholischen Milieus, renoviert und neu eingekleidet vielleicht, aber doch wohlvertraut und heimelig.

EINE UNUMKEHRBARE REVOLUTION

Die eigentliche und inzwischen längst nicht mehr rückgängig zu machende Revolution des II. Vatikanischen Konzils besteht in der Zusammenführung von Laien und Klerikern zu einem Volk Gottes. „Wir alle sind Kirche!“ Das können Katholikinnen und Katholiken in dieser Deutlichkeit erst seit dem Konzil sagen. Die Laien sind nicht mehr nur Konsumenten einer Gnadenspendung, sondern Mitgestalter und -träger dieser Kirche. Zu diesem Bewusstsein haben die Liturgiereformen der vergangenen vierzig Jahre natürlich ganz wesentlich beigetragen. Noch immer fehlt aber das selbstverständliche Bewusstsein, dass alle Getauften, also Kleriker und Laien, zu einem gemeinsamen Priestertum berufen sind; noch immer steckt die Ausgestaltung dieses neuen Miteinanders in den Anfängen; noch immer herrscht zu viel Klerikalismus, aber auch zu viel „Laikalismus“.
Dennoch, das Volk Gottes ist die Kirche – da gibt es kein Zurück mehr. Selbst konservativste Gläubige lassen sich heute geradezu lehramtlich vernehmen, indem sie missliebige Zeitgenossen mit Zitaten aus Papstschreiben massregeln, obwohl sie streng genommen weder Adressaten dieser Schreiben sind noch über die kirchlichen Kompetenzen verfügen, diese auszulegen. In seiner Konzilsgeschichte zitiert Otto Hermann Pesch einen Leserbriefschreiber, der sich gegen einen Bischof mit folgenden Worten zur Wehr setzte: „Der Glaube ist mehr als Gehorsam.“ Es war ein Anhänger Lefebvres, der so schrieb. Und Pesch kommentiert: „Dass Glaube mehr als Gehorsam ist, meint er geltend machen zu müssen, gegen ein Konzil, das […] ebendies klargestellt hat: ‚Glaube ist mehr als Gehorsam gegen die Kirche.‘ Dass unser Leserbriefschreiber diesen Satz und seinen ganzen Leserbrief veröffentlichen konnte, ohne sich sogleich ins kirchliche Abseits zu manövrieren – ebendies verdankt er dem Konzil.“
Das gilt übrigens für so genannt „romtreue“ Kreise noch heute: Sie nehmen sich gegenüber Papst, Bischöfen, ja dem gesamten Klerus ganz selbstverständlich Freiheiten heraus, die sie nach ihren eigenen Grundsätzen eigentlich gar nicht haben dürften und die ihnen erst das beargwöhnte Konzil verliehen hat. Mit anderen Worten: Hüben wie drüben fühlt sich das Volk Gottes berufen, die Hierarchie kritisch zu beobachten, deren Vollmacht zu hinterfragen, will man überzeugt und nicht belehrt werden. Und das ist, solange man sich nicht zur Lieblosigkeit hinreissen lässt, gut so.
Also scheint es nur folgerichtig, dass man das Konzil zum Ausgangspunkt für eine radikale Demokratisierung der Kirche nimmt. Das allerdings kann sehr schnell vom Geist des Dialogs und von der Verfassung als Volk Gottes wegführen. Unter Demokratie wird nämlich meist lediglich ein Prozedere zur Entscheidungsfindung verstanden: Was die Mehrheit bestimmt, das gilt. Oder noch diffuser: Demokratie ist, wenn das erlaubt wird, was ich will.
So kommt aber gerade nach dem II. Vatikanischen Konzil die Kirche nicht vorwärts. Man stelle sich beispielsweise eine weltweite Urabstimmung unter sämtlichen Katholikinnen und Katholiken zum Thema „Zölibat“ vor. Dass dabei eine Lockerung der geltenden Praxis herauskäme, ist reines Wunschdenken.
Bei einem nüchternen Blick in die Geschichte wird zudem schnell offensichtlich, dass die Mehrheit noch nicht automatisch für Gerechtigkeit, Friede und Bewahrung der Schöpfung garantiert. Und schliesslich bilden Demokratie und Dialog nicht zwangsläufig eine Einheit – man kann sehr wohl parlaments- und sogar arenafähig sein und gleichzeitig höchst dialogunfähig. Wenn man Dialog und Volk Gottes, die beiden grossen Vermächtnisse des Konzils, lebendig erhalten und zur Entfaltung bringen will, dann helfen dabei gewiss auch demokratische Strukturen, aber nicht als Allheilmittel.
Wie kann eine Kirche geführt werden, in der man als Volk Gottes unterwegs ist? Wie lässt man regionale Eigenheiten zu, ohne den Zusammenhalt im Gesamten zu gefährden? Wie behält man des Gesamte im Blick, ohne die Einzelnen zu übergehen? Wie sieht eine Verbindlichkeit aus, die frei macht? Wie geht eine Kirche, der das Dienen im Stammbuch steht, mit Macht um? Wie kann die Kirche sich selbst bleiben und dennoch auf andere zugehen?
Das II. Vatikanische Konzil hat uns mehr Fragen als Antworten hinterlassen. Auch darin weht der Geist des Konzils. Nachgeboren oder nicht, das gesamte Volk Gottes ist aufgerufen, den Dialog weiterzuführen.

THOMAS BINOTTO 


Artikelaktionen