Liebe Leserin, Lieber Leser
Ich bin ein gutes halbes Jahr nach dem Ende des II. Vatikanischen Konzils geboren. Dafür kann ich nichts – und habe deshalb nie verstanden, weshalb ein Teil der kirchlich engagierten Konzilsgeneration die Oberhoheit über den „Geist des Konzils“ fast eifersüchtig vor uns Nachgeborenen gehütet hat. Schnell einmal hiess es: „Davon hast du keine Ahnung!“ – „Du hast es halt nicht miterlebt.“ – „Du geniesst bequem, wofür wir gekämpft haben.“ Oder es wurde gar über die laue Jugend von heute gelästert, bei der so gar nichts mehr vom Feuer zu spüren sei, das einst die katholische Basis in den 60er Jahren bewegt habe. Bis ich dagegen – ganz jugendlich übermütig – revoltierte: „So wie ihr vom II. Vatikanischen Konzil redet, so reden unsere Grossväter vom Aktivdienst.
“ Die Vorbehalte gegenüber meiner Generation in der Konzilsdebatte, dieses mehr oder weniger unverhohlene Verbot, das Konzil aus der Optik der Nachgeborenen zu interpretieren, ist sträflich kurzsichtig. Die Konzilsgeneration wird – ob sie will oder nicht – einer neuen Generation Platz machen müssen. Das wird nur schon an zwei Männern sichtbar, die das Konzil als junge Theologen mitgeprägt haben und heute in ihrem Lebensabend als die herausragenden Antipoden in der Auseinandersetzung um das Konzil gelten: Papst Benedikt XVI. und Hans Küng.
 40 Jahre nach Ende des Konzils, das markiert auch einen Wechsel in der Wirkungs- und Interpretationsgeschichte und ist uns deshalb Anlass, bewusst der Generation der Nachgeborenen das Wort zu geben – den eigentlichen Kindern des Konzils. Es sind Theologinnen und Theologen, für die vieles, was in der Konzilszeit errungen wurde, tatsächlich selbstverständlich geworden ist. Sie trauen sich aber, neue und andere Fragen zu stellen, und sind sich gleichzeitig dennoch bewusst, dass sie durch das Konzil geprägt und herausgefordert sind.Â
THOMAS BINOTTO