Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

Vergangene Ausgabe
Leserbrief Service Archiv Impressum Kontakt
Sie sind hier: Startseite Archiv 2005 forum Nr. 11, 2005 Dialog in der Fremde
Menschen der Bibel: zum Beispiel Daniel

Dialog in der Fremde

Artikelaktionen

Als Kind hat mich keine biblische Gestalt derart fasziniert wie Daniel: Ein israelitischer Jüngling wird nach der Eroberung Jerusalems durch Nebukadnezzar nach Babylon verschleppt und zusammen mit drei Freunden am Königshof erzogen. Durch seine Klugheit und seine Fähigkeit, Träume zu deuten, geniesst Daniel bald hohes Ansehen – er macht Karriere in der Fremde. Unter drei Königen – Nebukadnezzar, Belschazzar und Darius – dient er, wird gar einer der höchsten Beamten.
Was mich begeistert hat, waren damals vor allem die dramatischen Momente dieser Geschichte: Wie Daniels Freunde in den Feuerofen geworfen werden, weil sie das Standbild des Königs nicht anbeten, und wie sie daraus unversehrt hervorkommen. Wie Daniel dem zügellosen Belschazzar die Schrift an der Wand entziffert: „Mene mene tekel uparsin. Diese Worte bedeuten: Mene: Gezählt hat Gott die Tage deiner Herrschaft und macht ihr ein Ende. Tekel: Gewogen wurdest du auf der Waage und zu leicht befunden. Peres: Geteilt wird dein Reich und den Medern und Persern gegeben.“ – Noch in derselben Nacht stirbt der König. Und dann natürlich das Komplott neidischer Höflinge, die Darius zu einem Gesetz überreden, nach dem dreissig Tage lang niemand anders als der König angebetet werden darf. Weil der Israelit Daniel erwartungsgemäss weiterhin zu seinem Gott betet, wird er gezielt denunziert und landet in der Löwengrube. Aber auch Daniel bleibt wunderbarerweise unversehrt.
Die Jünglinge im Feuer – die Schrift an der Wand – der Prophet in der Löwengrube: All das sind Bilder, die bis heute nichts von ihrer Eindrücklichkeit eingebüsst haben, die in Redensarten und Metaphern immer wieder auftauchen und verstanden werden, selbst wenn man sich ihres Ursprungs nicht bewusst ist.
Heute als Erwachsener ist ein weiterer Blickwinkel hinzugekommen, der mich Daniel näher bringt: Kaum einer der Propheten des Alten Testaments strahlt eine derartige Gelassenheit aus wie Daniel. Als die Jünglinge in Babylon ankommen, möchten sie weiterhin die Speisevorschriften ihres Glaubens beachten. Der königliche Oberkämmerer hat Bedenken, das könne ihnen gesundheitlich schaden und ihn den Kopf kosten. Aber Daniel hat einen pragmatischen Vorschlag bereit: Der Oberkämmerer soll sich lediglich auf einen zehntägigen Versuch einlassen, dann wird man sehen, ob die Speisevorschriften der Gesundheit schaden. Daniel lebt fast sein ganzes Leben in der Fremde, als Sklave unter Herrschern, die seinen Glauben nicht teilen und zeitweise sogar bekämpfen. Dennoch hält er an seinem Glauben fest und gewinnt dafür zumindest ihren Respekt. Wie er das tut, ist für mich vorbildlich: Daniel bewahrt seinen Glauben klug und zurückhaltend. Er weiss, wann Vorsicht oder gar Anpassung geboten ist, und verrät sich und seinen Glauben dennoch nie. Er strahlt ein Selbstbewusstsein und eine Gelassenheit aus, die nie den Anstrich von Überheblichkeit oder Selbstgerechtigkeit haben. Auch Verbitterung ist bei ihm keine zu spüren – obwohl er gegen seinen Willen in einem fremden Land festgehalten und wegen seines Glaubens immer wieder mit dem Tod bedroht wird. Daniels Gelassenheit ist also alles andere als „Laisser-faire“ und sie fällt ihm auch nicht ohne jede Anstrengung zu. Dieser Daniel, die Verkörperung eines gelassenen und dialogfähigen Glaubens, imponiert mir.
Aber noch immer habe ich nicht den ganzen Daniel entdeckt. Zum Apokalyptiker, der vor dem nahen Weltuntergang warnt, habe ich den Zugang noch nicht gefunden. Daniel bleibt mir also als Herausforderung auch in Zukunft erhalten.

THOMAS BINOTTO 

Artikelaktionen