Märchenprinzessin oder Kriemhild?
Wellness-Kuren und Miss-Wahlen zu biblischen Zeiten! Wer’s nicht glaubt, lese im Ersten Testament das Buch Ester: Der Perserkönig Artaxerxes schaut bei einem Festmahl auf dem Königsschloss zu tief ins Glas und in angeheitertem Zustand befiehlt er, seine Frau Waschti den eingeladenen Fürsten vorzuführen, damit sie ihre Schönheit bewundern. Doch Waschti weigert sich und erscheint nicht. Um ein Exempel zu statuieren – wo kämen wir denn hin, wenn so etwas unter den Frauen Schule machen würde –, verstösst Artaxerxes seine aufmüpfige Ehefrau. Weil nun aber eine neue Königin hermuss, lässt er alle ansehnlichen Jungfrauen seines Reiches in den Frauenpalast auf die Burg Susa bringen. Dort werden sie einer Schönheitspflege unterzogen, die nicht weniger als zwölf Monate dauert. Erst danach darf sich jede dem König präsentieren. Er wählt sich die Schönste zur Königin. Und das ist Ester, ein jüdisches Waisenmädchen. Hört man nur diesen Ausschnitt aus der Estergeschichte, könnte man meinen, es handle sich um ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Eben so irreführend wäre es allerdings, kennte man nur den Schluss der Novelle: Königin Ester enthüllt die Pogrom-Pläne des Oberfürsten Haman, der alle Juden im persischen Reich ausrotten will. Erst jetzt verrät sie ihre eigene jüdische Herkunft. Haman wird erhängt und die Juden erhalten von Artaxerxes die Erlaubnis, einen ganzen Tag lang ihre Feinde samt deren Frauen und Kinder zu töten und auszuplündern. Dass an besagtem Tag allein auf der Burg Susa fünfhundert Männer umgebracht werden, reicht Ester indes nicht. Sie erbittet vom König einen zweiten Rachetag, an dem auch die zehn Söhne Hamans aufgehängt werden sollen. Ester – Märchenprinzessin und Kriemhild in einer Person?
Doch das Herzstück der Geschichte fehlt noch, jene dramatische Szene, wo Ester ungerufen vor dem König erscheint und damit ihr Leben riskiert. Nur so kann sie den geplanten Völkermord rechtzeitig verhindern. Ester – die Todesmutige? Vielleicht nicht ganz, immerhin braucht sie drei Tage, bis sie sich dazu durchringt, unaufgefordert zum König zu gehen, ein Regelbruch, auf dem die Todesstrafe stand. Ob Schönheitskönigin oder Märtyrerin, das Beeindruckende an dieser Figur ist, dass sie sich nirgends einordnen lässt. Diese Frau passt einfach in kein Schema. Sie irritiert und fasziniert gleichzeitig. Damit hat sie viel mit der biblischen Judit gemeinsam. Beide Frauen bewirken die Befreiung des jüdischen Volkes. Dazu befähigt sie ihr Mut und ihre Risikobereitschaft, insbesondere aber ihr Gottvertrauen. Ester befiehlt: „Geh und ruf alle Juden zusammen, die in Susa leben. Fastet für mich! Auch ich und meine Dienerinnen wollen ebenso fasten. Dann will ich zum König gehen, obwohl es gegen das Gesetz verstösst. Wenn ich umkomme, komme ich eben um.“ (Est 4,16) Und sie fleht: „Herr, unser König, du bist der Einzige. Rette uns mit deiner Hand. Hilf mir, denn ich bin allein und habe niemand ausser dir!“ (Est 4,17)
JUDITH HARDEGGERÂ