Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Sie sind hier: Startseite Archiv 2005 forum Nr. 10, 2005 Bewegtes Beten – sakrales Tanzen
Sakraler Tanz

Bewegtes Beten – sakrales Tanzen

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Seit es Menschen gibt, tanzen sie. Kleine Kinder können gar nicht anders, als sich rhythmisch zu bewegen, wenn sie Musik hören. Was Worte nicht auszudrücken vermögen, dafür hat der Körper eine Sprache.

Sakrales Tanzen ist seit gut zwanzig Jahren auch bei uns wieder im Gespräch. Doch was genau ist das? Brigitta Biberstein, Dozentin für Sakraltanz, drückt es so aus: „Im tanzenden Gebet ist der Mensch ganz da vor Gott, mit all seinen Sinnen und Gefühlen, mit seinen Gedanken, Hoffnungen, Freuden und Nöten. Zentriert im Augenblick und doch bewegt, kann er auf den gegebenen Tanzwegen sein Leben meditieren. Durch die Einheit von Leib und Seele findet er eine Sprache für Dinge, die er sonst kaum mehr benennen kann. Im Kreis mit andern fühlt sich der Mensch eingebettet und gehalten. Erfahrungen von Geborgenheit, Ganzheit, zeitweiligem Gleichklang und Harmonie stärken und lassen ein kleines Stück Himmel erahnen.
“ Weil der Tanz eine elementar religiöse Dimension hat, gibt es in allen Religionen heilige Tänze. Oder müsste man, wenn man an die christliche Kultur denkt, sagen „gab es“?
 „Wenn ich an Gottesdienste und Prozessionen in meiner frühen Kindheit in einem katholischen Dorf denke, dann war bewegtes Beten auch bei uns noch eine alte, christliche Tradition, die jedoch inzwischen fast vergessen wurde. Viele symbolstarke Gebärden des Priesters am Altar wurden mehr und mehr weggelassen. Das Wissen um sakrale Geheimnisse hat sich entleert.“

KIRCHENVÄTER UND MYSTIKERINNEN
Die abendländisch-christliche Kultur hat seit jeher ein ambivalentes Verhältnis zum Tanz. Infolge der zunehmenden Körperfeindlichkeit christlicher Theologen verurteilen ab etwa 200 n. Chr. die Kirchenväter den Tanz im Gottesdienst als Überrest heidnischer Religiosität. Im vierten Jahrhundert verbietet die Synode von Laodicea das Tanzen selbst während der Hochzeit. Und Johannes Chrysostomus schreibt gar: „Dort, wo der Tanz ist, da ist der Teufel. Nicht dafür hat uns Gott die Füsse gegeben, sondern damit wir in gemeinsamer Harmonie voranschreiten.“
Auf der anderen Seite wird in den Nonnenerzählungen des Mittelalters immer wieder
vom Tanzen aus mystischer Freude heraus berichtet. Die Karmelitin Maria von der Menschwerdung sagt von sich: „Ich hatte eine so grosse Lebendigkeit in mir, dass ich beim Gehen hochsprang, so sehr, dass man mich für verrückt erklärt, wenn man mich beobachtet hätte.“ Und das Tamburin der Teresa von Avila liegt noch heute im Kloster San José in Avila.

DIE BIBEL MUSS MAN TANZEN
Auch die Bibel kennt den Tanz. Das erste Chronikbuch berichtet davon, wie David und ganz Israel mit grosser Hingabe vor Gott sangen und tanzten. Von der Prophetin Mirjam heisst es, dass sie die Pauke in die Hand nahm und sang, und dass alle Frauen tanzend hinter ihr herzogen. An dieses biblische Vorbild knüpft man an in der St.-Marien- Kirche Langnau. Seit bald acht Jahren gibt es da getanzte ökumenische Wortgottesfeiern. Was motiviert Leute, an ihnen teilzunehmen? „Viele Menschen haben in den vergangenen Jahren unserer Kirche enttäuscht den Rücken gekehrt.“ Brigitta Biberstein, die diese Feiern leitet, ist überzeugt: „Einige haben im sakralen Tanz und in Gebärdengebeten wieder einen Ort gefunden, der etwas von ihren religiösen Bedürfnissen abzudecken vermag. Es wird Zeit, dass in unseren Gottesdiensten wieder Bewegtheit und Weite, Gebärden und Tanz ihren Platz erhalten.“
Das ist allerdings leichter gesagt als getan. In einer Zeit, wo bei allem die Leistung zählt, heisst es häufig erst mal abwehrend „Ich kann aber nicht tanzen“. Dabei geht es beim meditativen Tanzen am allerwenigsten ums Können. Meditation ist schliesslich kein Sport. Brigitta Bibersteins Durchhaltevermögen ist oft arg gefordert: „Es braucht viel, bis Seelsorger den Mut haben, sich auf etwas Neues einzulassen. Ich wünschte mir, sie wären etwas experimentierfreudiger.“ Ob das bewegte Beten wohl je offiziell in die Liturgie aufgenommen wird? Vorbilder dafür gäbe es. In den Kirchenlabyrinthen gotischer Kathedralen tanzten die Kleriker jeweils im Ostersonntagsgottesdienst einen Auferstehungstanz.

HEILSAMES TUN
Als Modeerscheinung, die kommt und wieder abflaut, will Brigitta Biberstein den sakralen Tanz nicht sehen. Vielmehr gehe es um ein menschliches Grundbedürfnis, dem Religiösen auch mit dem Leib Ausdruck zu verleihen. Zum religiösen Erleben gehört ihrer Meinung nach das Sinnliche mindestens so sehr wie das „Verkopfte“. Letzteres nimmt aber in unseren Kirchen den weitaus grösseren Raum ein: „Gemeindegottesdienste sind meist stark vom Wort geprägt. Gesang und Musik werden bereichernd eingesetzt, jedoch die Bewegtheit des Körpers wird in unserem Kulturbereich vernachlässigt.“ Dabei sei in Fachkreisen längst die Erkenntnis gereift, dass Menschen in der Hektik unserer Zeit besonders dessen bedürften, was sie ganz und heil werden lässt. Wo Menschen im Glauben sprachlos geworden seien und ihre Freude am kirchlichen Leben verloren hätten, müsse nach Lösungen gesucht werden: „Es gilt, den Menschen tief liegendes Wissen und heilsames Tun wieder zugänglich zu machen, sich von der Gegenwart Gottes anrühren und in Bewegung bringen zu lassen. Damit könnten wir Christinnen und Christen vielleicht wieder etwas von jenem Feuer ausstrahlen, das Gott in uns gelegt hat.“

JUDITH HARDEGGER

BUCHHINWEIS
Hannelie Jestädt: Bewegung und Tanz im Familiengottesdienst, Butzon & Bercker 1999. 149 Seiten, zahlreiche Abbildungen und Notenbeispiele. Fr. 26.90.

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